Samstag, 7. Januar 2012

Offener Brief zum geplanten Gastvortrag von Eckhard Jesse an der FAU am 11.01.2012

Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg
Institut für Politische Wissenschaft
Prof. Dr. Roland Sturm
Kochstraße 4
91054 Erlangen

Gastvortrag von Prof. Dr. Eckard Jesse „Politischer Extremismus“ am 11.01.2012 an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Sehr geehrter Herr Professor Dr. Roland Sturm,

am 11.01.2012 veranstalten Sie am Institut für Politikwissenschaft an der FAU Erlangen-Nürnberg einen Gastvortrag mit Prof. Dr. Eckhard Jesse zum Thema politischerExtremismus. Anfang Dezember wurde Jesse bereits von der FAU als Gastredner bei der Fachtagung „Rechtsextremismus-Gefahr für den demokratischen Verfassungsstaat?“ geladen. Wie die Erlanger Nachrichten bereits berichteten, war die Einladung Jesses äußerst umstritten. In einem offenen Brief, der an Presse, RednerInnen und Dekanat geschickt wurde, thematisierte das Bündnis, welches sich aus gegebenem Anlass formierte, die problematischen Beziehungen und Thesen Jesses.

Eckhard Jesse ist Inhaber des Lehrstuhls für Politische Systeme, Politische Institutionen an der Technischen Universität Chemnitz. Kritik an ihm wurde in der Vergangenheit nicht nur wegen seiner mangelnden Berührungsängste und seiner Kontakte zur „Neuen Rechten“ sowie einzelnen Neonazis laut, sondern auch wegen vermehrter antisemitischer Äußerungen, in denen er beispielsweise die Kritik an groben Antisemitismen als „hysterische Reaktionen“ abtut (Vgl. SZ vom 5.2.2002).

Jesse ist einer der führenden Wissenschaftler, die die Extremismustheorie hervorgebracht haben. Diese Theorie selbst ist jedoch äußerst umstritten. Die Extremismustheorie konstruiert das Bild einer Achse, auf der sich das politische Spektrum ordnet; diese geht von links über eine Mitte nach rechts, wobei sich die Extrempositionen am rechten und linken Rand finden. Jesse hat nun eine neue Form dieser Extremismustheorie kreiert, welche sich in einem Hufeisen ausdrückt und so eine angebliche strukturelle Nähe linker und rechter Positionen postuliert, die politischen Ränder rechts und links sich also annähern würden. Diese Sortierung und Aufteilung verharmlost allerdings Ungleichwertigkeitsideologien wie Rassismus und Antisemitismus, die vor allem in der extremen Rechten zu finden sind und in der sogenannten gesellschaftlichen Mitte ihren Nährboden finden. Belegt ist dies durch viele Studien, so zum Beispiel in den Ergebnissen der Friedrich-Ebert Stiftung zum Thema „Vom Rand zur Mitte“. Dies wird allerdings in der Extremismustheorie von Jesse ausgeschlossen, die in eben dieser Mitte den angeblichen Garanten für einen demokratischen Rechtsstaat zu finden meint. Jesse ist unserer Ansicht nach daher nicht als wissenschaftlicher Redner tragbar. Wir fordern Sie daher dringend auf, den Referenten aus zu laden und die notwendige Distanzierung von demselben zu vollziehen.

Mit freundlichen Grüßen

Antifaschistisches Aktionbündnis Nürnberg (AAB)
Antifaschistische Linke Fürth (ALF)
Antikapitalistische Linke Bayern
Banda Sinistra Erlangen
Gruppo Diffuso Erlangen
Linke und Kritische StudentInnen Erlangen (LUKS)
Linksjugend ['solid] Weißenburg

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Zeitungsartikel aus der Süddeutschen Zeitung vom 06.02.2002

NPD-Verbot:Bundesverfassungsgericht macht Bock zum Gärtner

von Heribert Prantl

Die vom Karlsruher Gericht bestellten Gutachter sind durch Bagatellisierung rechtsextremer Umtriebe aufgefallen

(SZ vom 06.02.2002) - Der Unstern über dem NPD-Verbotsantrag leuchtet immer greller - und das ist, wie sich nun herausstellt, nicht nur die Schuld der V-Leute und der Geheimdienstbürokratie in den Innenministerien. Auch das Bundesverfassungsgericht in Gestalt seines Richters Hans-Joachim Jentsch agiert recht unglücklich.

Jentsch, früherer CDU-Justizminister von Thüringen, ist Berichterstatter des 2. Senats des Bundesverfassungsgerichts für das NPD-Verbotsverfahren. Zwei der drei Gutachter, die er für dieses Verbotsverfahren bestellt hat, sind politisch äußerst umstritten.

Es handelt sich um Professor Eckhard Jesse, Politikwissenschaftler an der Technischen Universität Chemnitz, und Uwe Backes, stellvertretender Direktor des Hannah-Arendt-Instituts in Dresden. Ihnen wird ein ziemlich unkritisches Verhältnis zur rechten politischen Szene nachgesagt. Sie sind nach Paragraf 27 a des Bundesverfassungsgerichtsgesetzes als "sachkundige Dritte" geladen worden. Der einschlägige juritische Großkommentar definiert das so: "Sachkunde ist objektiver Sachverstand".

Der objektive Sachverstand der vom Gericht bestellten Gutachter sieht im vorliegenden Fall wie folgt aus. Eckhard Jesse ist durch Verharmlosung rechtsextremer Umtriebe aufgefallen. 1990 schoss er sich in einem Aufsatz auf Heinz Galinski, den früheren Vorsitzenden des Zentralrates der Juden ein und meinte: "Auf Dauer dürfte Judenfeindlichkeit nicht zuletzt gerade wegen mancher Verhaltensweisen von Repräsentanten des Judentums an Bedeutung gewinnen".

Kritik an groben Antismetismen beklagte ere als "hysterische Reaktion". Der genannte Aufsatz Jesses erschien in dem von ihm gemeinsam mit Uwe Backes und Rainer Zitelmann herausgegebenen Sammelband "Die Schatten der Vergangenheit. Impulse zur Historisierung des Nationalsozialismus", das als Standardwerk des gemäßigten Geschichtsrevisionismus gilt.

In diesem Buch werden "moralisiernde Gesinnungsstatements" der Historiker ebenso gegeißelt wie deren "Pose des Anklägers gegenüber den Akteuren des Dritten Reiches. In einem Artikel, den Jesse am Montag auf Seite 3 der "Welt" publiziert hat, behauptet er, das die Gefahr von rechts hochgespielt, die von links verharmlost würde: "Die Erosion der Abgrenzung zwischen demokratisch und extremistisch geschieht am linken, nicht am rechten Rand".

Uwe Backes ist dadurch bekannt geworden, dass er sich vehement für die Veröffentlichung eines äußerst sonderbaren Textes über den Hitler-Attentäter Johann Georg Elser eingesetzt hat. Am 8. November 2000 druckte die Frankfurter Rundsschau diesen Aufsatz des am Hannah-Arendt-Instituts lehrenden Privatdozenten Lothar Fritze, in dem dieser die moralische Legitimität des gescheiterten Attentats von Elser auf Hitler am 8. November 1939 in Frage stellte.

Der Streit über diesen Aufsatz eskalierte zu einem Eklat in der Führung des Hannah-Arendt-Instituts: Der damalige Direktor Klaus-Dietmar Henke distanzierte sich, sein Stellvertreter Backes dagegen fühlte sich als "Anwalt Fritzes". Der angesehene US-Holocaust-Forscher Saul Friedländer forderte die Entlassung von Backe.

Das sächsische Kultusministerium reagierte trotzig - und ließ stattdessen den Vertrag von Henke auslaufen. Es galt als offenes Geheimnis, dass man der Meinung war, das Institut habe sich unter Henkes Leutung zu viel mit dem Nationalsozialismus und zu wenig mit der SED-Diktatur beschäftigt. Jüngst hat Backes "vergangenheitsfixierte Warner vor neuem Nationalismus" angeprangert, die "vollmundige Bekundungen vom rechten Rand nicht selten für bare Münze" nähmen und einen "Alarmismus" gegenüber rechtsextremistischem Gedankengut beklagt.

Wie aus dem Bundesverfassungsgericht verlautet, bleibt die Benennung der beiden Gutachter auch nach Aufhebung des Termins zur mündlichen Verhandlung erst einmal bestehen. In Karlsruher Kreisen hieß es sarkastisch: Es handele sich "ohne Zweifel um Sachverständige".

Quelle: http://www.sueddeutsche.de/politik/npd-verbot-bundesverfassungsgericht-macht-bock-zum-gaertner-1.423365

Donnerstag, 29. Dezember 2011

Aufruf des Bündnisses Dresden Nazifrei 2012

Aller guten Dinge sind drei!
BLOCK DRESDEN 2012 – Blockieren, bis der Naziaufmarsch Geschichte ist


In den vergangen zwei Jahren ist uns etwas gelungen, das viele für unmöglich gehalten hatten: Wir haben den Naziaufmarsch in Dresden erfolgreich blockiert. Tausende Nazis konnten ihr eigentliches Ziel, mit einer Großdemonstration ihre menschenverachtende Ideologie zur Schau zu stellen, nicht erreichen.

Mit dem Aufmarsch im Februar versuchten sie in den vergangenen Jahren, an das Gedenken an die Bombardierungen Dresdens im Februar 1945 und den damit einher gehenden Mythos der „unschuldigen Stadt Dresden“ anzuknüpfen. Auch durch Ignorieren und Wegschauen seitens der Stadtverwaltung und eine mangelnde Entschlossenheit großer Teile der Dresdner Zivilgesellschaft konnte dieser Termin zu Europas größtem Naziaufmarsch mit bis zu 7000 Teilnehmenden werden. Doch die Dynamik der Aufmärsche ist gebrochen. Zu verdanken ist dies insbesondere dem entschlossenen Handeln von zwölftausend (2010) und zwanzigtausend Menschen (2011), die mit Massenblockaden den Marsch der Nazis verhinderten.

Wir wenden uns gegen jede Form von Geschichtsrevisionismus. Alten und neuen Nazis darf keine Gelegenheit gegeben werden, die deutsche Geschichte zu verklären und die NS-Verbrechen zu verherrlichen. Daher werden wir am 13. Februar 2012 den „Täterspuren“-Mahngang durchführen, um an die NS-Geschichte in Dresden zu erinnern.

„Sagen, was man tut, und tun, was man sagt“ – durch dieses Motto war unser Handeln der letzten Jahre geprägt. Dabei bleibt es! Uns eint das Ziel, den Naziaufmarsch durch Massenblockaden zu verhindern. Unser Ziel ist dabei nicht die Auseinandersetzung mit der Polizei. Wir sind entschlossen, den Naziaufmarsch zu blockieren – von uns wird dabei keine Eskalation ausgehen. Wir sind solidarisch mit allen, die mit uns das Ziel teilen, den Naziaufmarsch zu verhindern.

„Unsere Vielfalt ist unsere Stärke“ – das war unser Credo der letzten Jahre. Dabei bleibt es! Mit einem breiten Bündnis aus Antifagruppen, lokalen Initiativen und Aktionsgruppen, Gewerkschaften, Parteien und Jugendverbänden, religiösen Gruppen sowie zahlreichen weiteren Organisationen und Einzelpersonen haben wir deutlich gemacht: Blockaden sind legitim, und Dresden geht uns alle an!

AntifaschistInnen wurden in den letzten Monaten vermehrt mit staatlichen Repressionen überzogen. Rechtswidrige Funkzellenabfragen, politisch motivierte Strafverfahren, selbst Immunitätsaufhebungen werden uns nicht einschüchtern. Versuchen von außen, uns mittels der Extremismustheorie zu spalten, setzen wir unsere Solidarität entgegen. Wir lassen uns nicht spalten. Ziviler Ungehorsam ist unser Recht, unsere Blockaden sind legitim!

Lassen wir uns nicht einschüchtern! Wir protestieren im Februar in Dresden auch gegen die staatliche Aushöhlung des Versammlungsrechts und einen Schnüffel-Staat. In Dresden soll bewusst das Rechtsordnungsprinzip der Verhältnismäßigkeit verschoben werden, um einen „gläsernen Demonstranten“ zu schaffen. Wir treten dem entschieden entgegen. Dabei stehen wir zusammen gegen alle Versuche der Einschüchterung und der Beschneidung unserer Bürgerrechte.

Auch 2012 werden wir den Naziaufmarsch in Dresden blockieren. Die Mordserie der in Sachsen untergetauchten Nazis zeigt einmal mehr, wie wichtig entschlossenes antifaschistisches Handeln ist. Antifaschistisches Engagement darf nicht kriminalisiert, sondern muss unterstützt werden. Jahrelang sind Anschläge, Nazigewalt und Waffenfunde in der Naziszene bagatellisiert worden. Schluss damit!

Wir geben den Nazis keinen Meter Straße preis. Wir blockieren sie in Dresden: bunt und lautstark, kreativ und entschlossen!

Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!

Sonntag, 4. Dezember 2011

Vertrauen in die Mitgliedschaft statt Angst vor ihr

Vor einigen Tagen wurde im Namen der AKL eine Erklärung zum Thema Mitgliederentscheid über den Parteivorsitz verfasst. Bereits zuvor gab es dazu in die gleiche Richtung zielende Stellungnahmen einzelner Mitglieder dieses Netzwerks. Vor ihrer Veröffentlichung erhielten wir weder Kenntnis von dieser Erklärung, noch wurde vor ihrem Zustandekommen innerhalb der AKL eine Debatte darüber geführt. Ihre Inhalte können wir nicht mittragen.

Ob ein Mitgliederentscheid über Kandidaturen zum Parteivorsitz stattfindet oder nicht, sollte keine Frage der daran beteiligten Kandidat_innen sein, sondern eine politische Entscheidung. Ein Mitgliederentscheid ist kein Wahlkampfmittel für machtpolitische Ansprüche, sondern ein urdemokratisches Instrument.

Immer mehr Menschen reagieren auf den Ausschluss aus gesellschaftlicher und kultureller Teilhabe mit Politikverdrossenheit oder gar einer Öffnung zu rechten Tendenzen. Aber auch Teile derjenigen, die sich aktiv gegen mangelnde Transparenz und Partizipation in der Politik wenden, sehen nicht mehr in der LINKEN ihre politischen Ansprechpartner_innen, sondern wenden sich der Piratenpartei als Vertreterin dieser Interessen zu.

Ein Mitgliederentscheid wäre ein klares Signal in unsere Partei hinein und nach außen hin:
Die LINKE steht für Teilhabe und Demokratie – in der eigenen Partei und in der gesamten Gesellschaft! Dies werden wir in den Auseinandersetzungen um die Demokratie in unserem Land und in Europa beweisen müssen. Unsere Glaubwürdigkeit dabei beruht auch auf dem demokratischen Leben in unserer Partei.

Als bayerische Genoss_innen, die sich des Öfteren mit innerparteilicher Kritik hinsichtlich sonstiger Aspekte des Politikverständnisses unseres Parteivorsitzenden Klaus Ernst zu Wort gemeldet haben, haben wir seine Forderung nach einem Mitgliederentscheid mit Erstaunen und Zustimmung zur Kenntnis genommen und unterstützen ihn in dessen Umsetzung.

Die aufgeworfene Frage der Quotierung dürfte sich auch ohne zweifache Versendung der Unterlagen lösen lassen, da es sich hier nicht um Listenaufstellungen zu Wahlen handelt, sondern um eine Befragung der Mitglieder, welche beiden Kandidat_innen sie für die Fähigsten zur Erfüllung der Aufgaben als Parteivorsitzende halten. Diese Entscheidung kann ebenso gut für zwei Kandidatinnen getroffen werden, als auch für eine gemischte Doppelspitze. Die Entscheidung der einzelnen Kandidatinnen, auf einer gemischten Liste bei der Durchführung der Wahlen auf dem Bundesparteitag erneut zu kandidieren, bleibt davon völlig unberührt.

Wir haben keine Angst vor der Mitgliedschaft, sondern fordern ihre aktive Beteiligung ein an der Diskussion um die politischen Inhalte und strategischen Konzepte, für die die einzelnen Kandidat_innen stehen. Wir wehren uns gegen Tendenzen einer autoritären Strömung in der AKL und fordern im Vertrauen auf die emanzipatorische Kraft demokratischer Prozesse mehr innerparteiliche Demokratie.

Aus diesem Grund erteilen wir den möglicherweise persönlich motivierten Versuchen einiger Mitglieder der AKL, den Mitgliederentscheid zum Spielball ihrer taktischen Interessen zu machen, eine deutliche Absage.

Wir rufen alle Antikapitalist_innen auf, den Mitgliederentscheid zu unterstützen, denn antikapitalistische Politik muss demokratisch sein und bleiben!

Erkan Dinar, Holger Grünwedel, Dagmar Henn,
Dominik Lehmann, Angelika Schömig, Dr. Martina Tiedens

Koordinierungsrat der Antikapitalistischen Linken Bayern

Donnerstag, 1. Dezember 2011

Protesten gegen die sogenannte Sicherheitskonferenz (SiKo) 2012 in München

Kein Frieden mit der NATO – Kein Frieden mit dem Kriegsgeschäft!

Am ersten Februar-Wochenende treffen sich im Hotel Bayerischer Hof wieder Kriegsstrateg_innen, überwiegend aus NATO- und EU-Staaten, hochrangige Militärs, Vertreter_innen von Wirtschafts- und Rüstungskonzernen und Regierungen. Sie schmieden Kriegskoalitionen und koordinieren Militärstrategien für ihre weltweiten Interventionspläne.

Unter ihrer Flagge „Sicherheit und Menschenrechte“ führen sie Kriege, um ihre Wirtschafts- und Vorherrschaftsinteressen durchzusetzen. Mit Waffenexporten leisten sie Beihilfe zum weltweiten Morden und zu Unterdrückung.

Während sie über die Spielregeln ihrer „Weltordnung“ beraten, werden wir auf die Straße gehen und demonstrieren.

Krieg und ein profitorientierter Welthandel zwingen Milliarden Menschen zur Flucht und treiben sie in den Hunger. „Alle fünf Sekunden stirbt ein Kind an Unterernährung oder leicht heilbaren Krankheiten. Diese Kinder sterben nicht, sie werden ermordet“ (Jean Ziegler). Sie werden ermordet von einer Weltordnung, die für den Profit über Leichen geht, von einer Wirtschaftsweise, die systematisch die natürlichen Ressourcen plündert und damit die Lebensgrundlagen dieses Planeten ruiniert. Die reichen Staaten schotten ihre Grenzen ab gegen Kriegs-, Armuts- und Klimaflüchtlinge.

Krieg beginnt hier!

Deutschland ist die militärische Drehscheibe für die Aggressionskriege der USA und der NATO. Unter Bruch der Verfassung ist Deutschland bei jedem Krieg dabei, um seine eigenen wirtschafts- und machtpolitischen Interessen durchzusetzen. Hier werden auch die tödlichen Waffen produziert, die weltweit tausende Menschen töten. Hier und in den anderen NATO-Staaten werden Rechtfertigungslügen erfunden und Angriffskriege als „humanitäre Intervention“ propagiert. Die Münchner SiKo ist dafür eines der wichtigsten Propaganda-Foren.

Ihre „Sicherheitskonferenz“ ist eine Unsicherheitskonferenz – auch sie steht für Profite, Krieg und Ausbeutung.

Mit Lügen werden Kriege begonnen und Länder überfallen, keineswegs aber wird „Sicherheit“ gebracht. Die Kriege – wie in Jugoslawien, in Afghanistan, im Irak und in Libyen – zeigen es.

Krieg bedeutet: Massenhafte Vergewaltigung sowie Tod, Folter und Flucht. Opfer dieser Kriege sind die Mehrheit der Menschen, die Natur und die Kultur solidarischen Zusammenlebens.

Die wirtschaftlich und politisch Mächtigen der Welt beanspruchen für sich das Recht auf „ungehinderten Zugang zu Märkten und Rohstoffen“ (so in: Verteidigungspolitische Richtlinien der Bundeswehr). Sie setzen ihre wirtschaftlichen Interessen und globalen Machtansprüche durch, auch mit militärischer Gewalt. Folgen einer solchen Gewaltpolitik sind globale Verarmung, Zerstörung demokratischer und sozialer Rechte, Abbau im Bildungsbereich und die Vernichtung natürlicher Lebensgrundlagen.

Wir erleben eine zunehmende Militarisierung der Gesellschaft, Überwachung und Disziplinierung der Bevölkerung zur präventiven Aufstandsbekämpfung. Die Verantwortlichen zielen mit ihrer Propaganda der Alternativlosigkeit darauf, dass die Menschen stillhalten, aus Angst vor Arbeitslosigkeit, Angst um die Zukunft ihrer Kinder, Angst vor Terror.

Immer mehr Menschen suchen Alternativen zum Kapitalismus und beginnen in vielen Ländern, sich dagegen zu wehren.

Die Herrschenden wappnen sich – auch bei uns – gegen Widerstand. Sie bauen den Überwachungsstaat aus, rüsten den Polizeiapparat auf und erstreben schließlich auch den Bundeswehreinsatz im Inneren (z. B. gegen Streikende). Vorstufe dafür war die Unterstützung von Polizeieinsätzen beispielsweise in Heiligendamm und bei Castor-Transporten.

Wir lassen uns nicht einschüchtern und wehren uns gegen diffamierende Unterstellungen, die als Vorwand für polizeiliche Repression und zur Einschränkung unseres Demonstrationsrechts dienen.

Zeigen wir den selbstherrlichen Kriegsstrateg_innen:

Wir wenden uns gegen ein System, das sich ausschließlich am Profit orientiert und das sowohl in Friedens- wie in Kriegszeiten über Leichen geht. Dem setzen wir unseren Protest, entschiedenen Widerstand und solidarisches Handeln entgegen.

Wir demonstrieren:

l Gegen Kriegsgeschäfte und militärische Machtpolitik

l Gegen Militarisierung der Gesellschaft, gegen Nationalismus und Rassismus

l Für Beendigung aller Auslandseinsätze, für den sofortigen Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan

l Für Abrüstung – Auflösung der Interventionstruppen – Bundeswehr abschaffen!

l Bundeswehr raus aus Ausbildungsstätten und Jobcenter – kein Werben für´s Sterben!

l Beendigung aller Waffenexporte

l Für den Austritt Deutschlands aus der NATO – Auflösung der NATO – Keine Beteiligung Deutschlands an EU- und anderen Militärstrukturen

l Für Abschaffung der NATO-„Sicherheitskonferenz“

Die Menschheit braucht weder eine NATO noch andere Militärpakte, sondern Frieden, Abrüstung und soziale Gerechtigkeit.

Empört Euch und kommt zu den Protesten gegen die Kriegskonferenz nach München!

Beteiligt Euch an der großen Demonstration, entschlossen, phantasievoll, vielfältig und laut!

Samstag, 4. Februar 2012 um 13 Uhr am Marienplatz

AKTIONSBÜNDNIS GEGEN DIE NATO-SICHERHEITSKONFERENZ

Antikapitalistische Linke Bayern • AFI - Augsburger Friedensinitiative • AL[M] • Arbeitergeschwister München • Arbeitsgemeinschaft International Dorfen • Artists 4 Peace - die Kunst des Friedens • Attac Berlin • BIFA - Münchner Bürgerinitiative für Frieden und Abrüstung • Bundesausschuss Friedensratschlag • BürgerInnen gegen den Krieg (Landkreis Ebersberg) • DFG-VK - Deutsche Friedensgesellschaft-Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen Gruppe Augsburg • DFG-VK - Deutsche Friedensgesellschaft-Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen LV Bayern • DFG-VK Gruppe München • DIDF – Föderation demokratischer Arbeitervereine aus der Türkei, München • DIE LINKE BAYERN • DIE LINKE. im Stadtrat München • DKP - Deutsche Kommunistische Partei, München • Echte Demokratie Jetzt! München • EÖC - Emek ve Özgürlük Cephesi/Avrupa İnisiyatifi • Feministische Partei DIE FRAUEN • FRAUEN IN SCHWARZ München • Friedensbewegung Ingolstadt • Friedensplenum/Antikriegsbündnis Tübingen • FTA - Friedenstreiberagentur • IMI - Informationsstelle Militarisierung Tübingen • Internationaler Versöhnungsbund - Deutscher Zweig • Linksjugend ['solid] Landesverband Bayern • MLPD München • Motorradclub Kuhle Wampe - Region Bayern • Münchner Bündnis gegen Krieg und Rassismus • Münchner Friedensbündnis • Münchner Gewerkschaftslinke • Nord Süd Forum München e.V. • Öffentliche Aufforderung zu gewaltfreiem Widerstand gegen Rüstung und Krieg, München • Ökumenisches Büro fuer Frieden und Gerechtigkeit e.V. • OTKM - Offenes Treffen gegen Krieg und Militarisierung Stuttgart • pax christi München • Revolutionär Sozialistischer Bund / IV Internationale, OG München • SDAJ - Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend, Bundesvorstand • SDAJ München - Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend München • Thüringer Friedenskoordination • Truderinger Frauen für Frieden und Abrüstung • YEK-KOM e.V. Föderation kurdischer Vereine in Deutschland •

EINZELPERSONEN:
Siegfried Böhringer, Nagold • Reiner Braun, Geschäftsführer der IALANA • Sevim Dagdelen, MdB DIE LINKE • Richard Forward, Architekt, München • Nicole Gohlke MdB DIE LINKE • Martin Gruber, München • Inge Höger MdB DIE LINKE • Reinhard Lisowski • Bernd Michl, München • Reinhard Moritz-Schwän, Rechtsanwalt, Altomünster • Elfi Padovan, München • Tobias Pflüger, Vorstand IMI, Tübingen • Erwin Saint Paul • Monty Schädel, Bundessprecher der DFG-VK • Sarah Seeßlen, dipl.sc.pol. • Lydia Trüten, IG-Metall Vertrauensfrau, Esslingen • Thomas Trüten, IG Metall Esslingen Vertrauenskörperleiter/ Mitglied Delegiertenversammlung • Günter Wimmer (Dipl.)Soz.Päd. i.R. •

Freitag, 11. November 2011

Jetzt erst recht! - Den Naziaufmarsch in Dresden verhindern!

In den vergangenen zwei Jahren konnte Europas ehemals größter Naziaufmarsch im Februar in Dresden verhindert werden. Mehr als 20.000 Menschen blockierten die Wegstrecke der Nazis, so dass diese nicht aufmarschieren konnten.

Seit diesem Erfolg des zivilen Ungehorsams gehen die Polizei und die Dresdner Staatsanwaltschaft mit einer ungeahnten Repressionswelle gegen die Initiative „Nazifrei! – Dresden stellt sich quer“ vor. In einem bisher beispiellosen Ausmaß wurden im Rahmen einer verfassungswidrigen Funkzellenabfrage Daten von zehntausenden Menschen gespeichert und ausgewertet. Aktuell werden massenweise Strafbefehle gegen BlockiererInnen ausgesprochen und bundesweit Hausdurchsuchungen durchgeführt. Zahlreiche AntifaschistInnen werden mit § 129-Verfahren – Bildung einer kriminellen Vereinigung – überzogen und kriminalisiert. Das Bündnis, das sich aus weiten Teilen der Zivilgesellschaft zusammen setzt, soll durch sogenannte „Extremismusklauseln“ und eine staatlich inszenierte Gleichsetzung von Links und Rechts gespalten werden. Bei Hausdurchsuchungen machte die Staatsanwaltschaft auch vor einer Anwaltskanzlei und dem Jenaer Jugendpfarrer König nicht halt. Dieser hatte es gewagt im „Spiegel“ die absurden Ermittlungen gegen ihn wegen § 129 zu kritisieren.

Ziel dieser Repression ist die Ausforschung antifaschistischer Zusammenhänge, die Einschüchterung derselben und deren Spaltung. Damit sollen zukünftige Massenblockaden gegen Neonazi-Aufmärsche verhindert werden.

Wir werden das nicht zulassen. Wir werden uns nicht außer einander dividieren und einschüchtern lassen. Wir werden uns nicht das Recht auf Blockade von Naziaufmärschen nehmen lassen. Wir solidarisieren uns mit allen von Repression Betroffenen. Und wir kündigen bereits jetzt an, den geplanten Naziaufmarsch im Februar 2012 in Dresden gemeinsam zu blockieren.

UnterstützerInnen:
Angelika Filz-Gumbmann vom Fürther Elternverband, Erkan Dinar Kreisvorsitzender DIE LINKE Kreisverband Ansbach/Weißenburg-Gunzenhausen, Eylem Gün Stadträtin der Linken Liste Nürnberg, Frank Bess Gewerkschaftssekretär, Fachbereich Gemeinden, Günter Slave Landesvorsitzender MLPD Elbe-Saale, Hans Patzelt offene Linke, Stadtrat in Nürnberg, Harald Weinberg Mitgleid des deutschen Bundestags, Mitglied des Landesvorstand der LINKEN.Bayern, Inigo Schmitt-Reinholz Rechtsanwalt und Fachanwalt für Strafrecht, Kornelia Möller MdB DIE LINKE , Marion Padua Stadträtin der LINKEN LISTE Nürnberg, Norbert Zirnsak Gewerkschaftssekretär DGB-Region Schweinfurt-Würzburg, Peter Harasim - Concertbüro Franken, Stephan Stadlbauer Fürth, Susanne Kramer Stadt Fürth, Ulli Schneeweiß Rechtssekretär / stv. Geschäftsführer ver.di Bezirk Mittelfranken, Ulrich Schönweiß Stradtrat in Fürth, Werner Schnabel Sprecher des Bamberger Bündnisses gegen Rechtsextremismus, Wolfgang Günther - Kreisvorsitzender der DKP Unterfranken, und über 200 Einzelpersonen aus der Region.

Alternative Kultur Nürnberg e.V., Antifaschistische Linke Fürth (ALF), Antifaschistisches Aktionsbündnis Nürnberg (AAB), Antikapitalistische Linke Bayern, attac Nürnberg, autonome Jugendantifa Nürnberg (aja), banda sinistra Erlangen, Desi-Kneipenkollektiv, deutscher Freidenker Verband Franken, die Linke Nürnberg-Fürth, gruppo diffuso Erlangen, Fürther Bündnis gegen Rechtsextremismus und Rassismus (BGR-Fürth), Fau- Nürnberg, GEW KV Nürnberg, Jugendantifa Fürth (jaf), Jugendverband Rebell, Kurzer Prozess (hip-hop-crew Nürnberg), Libresso Gostenhofer Literatur- und Kulturverein, Linke Liste Nürnberg, Linke und kritische StudentInnen Erlangen (LUKS), LiStA [Linke Studentische Aktion], Netzwerk Linker AktivistInnen (NLA), Microphone Mafia, MLPD-Landesverband Bayern, MLPD Nürnberg/Erlangen/Fürth, Musikverein im K4, organisierte autonomie Nürnberg (oa), Pension Ost Nürnberg, radikale Linke Nürnberg (rl), revolutionär organisierte Jugendaktion (ROJA), Rote Hilfe -OG Nürnberg, selbstverwaltetes Jugendhaus Erlangen, sdaj Fürth, [´solid] – die sozialistische Jugend Weißenburg, Sozialforum Nürnberg, ver.di Bezirk Mittelfranken, VVN-BdA Kreisvereinigung Nürnberg


weitere UnterzeichnerInnen können sich unter: dd-solierklaerung@web.de melden.

Donnerstag, 22. September 2011

Die Stille davor

von Dagmar Henn

Die ganze Welt wartet auf die Katastrophe. Noch wirkt das Ganze wie ein Dominostein, der in Zeitlupe fällt; die Bewegung kann genau betrachtet werden, aber nicht aufgehalten. In den letzten Wochen entwickelte sich ein institutioneller Bank Run. Nicht Massen standen auf den Straßen, um ihre Einlagen zu retten; aber Siemens, Lloyds und chinesische Staatsbanken zogen Milliarden aus den europäischen Banken ab, zuvorderst aus den angeschlagenen großen Drei in Frankreich . BNP Paribas, Societe Generale und Credit Agricole. Schon ehe dieser erste fallende Stein den Boden berührt, sind die Geldschleusen weit geöffnet und den Banken wurde in einer konzertierten Aktion von EZB, Fed und Bank of Japan Zugriff auf unbegrenzte Mengen garantiert. Gestern änderte die EZB die Regeln für von den Banken zu hinterlegende Sicherheiten und akzeptiert nun auch nicht handelbare Papiere. Heute verkündete der deutsche Bankenverband, die Einlagesumme, für die garantiert wird, abzusenken. Was zuletzt nach der Pleite von Lehman passierte, geschieht nun schon vor dem (sichtbaren) Einschlag, aber alle Zeichen deuten darauf hin, dass der Aufprall dennoch stattfinden wird.

Die ungeheuren Beträge, die jetzt schon aus den Staaten in die Stabilisierung des kapitalistischen Weltsystems flossen, haben außer einer Krise der Staatsfinanzen nur einen kurzen Aufschub erreicht, und von Geldschub zu Geldschub verpufft die Wirksamkeit schneller. Ganz vorne vor der heranrollenden nächsten Krisenwelle steht der Euro.

Das deutsche Kapital hat sich aus der ersten Runde über die Abwälzung der Folgen auf die europäischen Nachbarn gerettet. Die Folgen andernorts sind jetzt schon im Wortsinne mörderisch; so hat sich die Suizidrate in Griechenland im letzten Jahr verdoppelt. Der Preis für die Rettung von Deutscher Bank & Co. war nicht nur eine deutliche Verschlechterung in den Lebensbedingungen der Bevölkerung in Griechenland, Portugal, Irland und allen anderen dem deutschen Sparzwang unterworfenen Ländern; auch das parlamentarische System ist vielfach schon schwer angeschlagen oder unter dem Diktat der „Rettungsverträge“ vollends zur Farce verkommen.

Fremde Zukunftspläne
Die politische Strategie, mit der die vermeintlichen deutschen Herren Europas auf den nächsten Krisenschub reagieren werden, ist noch nicht ganz entschieden. Da aber die möglichen Reaktionen voraussichtlich abrupt erfolgen werden (und dies unter diesen Bedingungen auch müssen), also keine Vorwarnzeit bleibt, müssen wir ein wenig spekulieren und die denkbaren Varianten durchspielen.

Technisch gesehen gibt es – aus der Sicht des deutschen Kapitals, versteht sich – drei Lösungen. Die erste ist ein Ausstieg Deutschlands aus dem Euro, die zweite ein Kerneuro mit zwei, drei beteiligten Ländern, die dritte eine Erhaltung des Euro über eine Zwangsvereinigung des Euroraums unter deutscher Kontrolle. Die zweite Variante, der Kerneuro, ist in den letzten Monaten deutlich unwahrscheinlicher geworden. Sie bestünde primär aus Deutschland und den Niederlanden, hätte aber zur Voraussetzung, dass das instabile Belgien außen vor bleibt; zweifelhaft, dass die Niederländer sich darauf einlassen würden. Realistischer sind also der Ausstieg oder der europäische Putsch. Und über diese beiden Varianten lässt sich tatsächlich ein fragmentarischer Diskurs entdecken.

Ausstieg oder verstärkte Dominanz über den Euro schließen einander aus. Beide Varianten werden von Teilen des deutschen Kapitals vorgezogen, und die Zögerlichkeit der deutschen Regierung im Umgang mit der Eurokrise beruht nicht nur auf dem Wunsch, den stärksten Konkurrenten Frankreich erst noch weiter zu schwächen (die Finanzbewegungen von Siemens können durchaus auch als unmittelbarer Angriff gelesen werden); sie ist auch Ausdruck dessen, dass noch keine der beiden Fraktionen die Oberhand gewonnen hat. Im öffentlichen Raum äußert sich dies durch die höchst widersprüchlichen Positionen, die selbst aus den Regierungsparteien geäußert werden. Politisch ist diese Lage höchst gefährlich: ein Interessenantagonismus (und genau das liegt in diesen beiden Varianten) dieser Größenordnung zwischen unterschiedlichen Kapitalfraktionen kann im Rahmen der bürgerlichen Demokratie nicht entschieden werden.1

Es ist also nicht überraschend, dass der schon seit letztem Jahr schwelende Diktaturdiskurs neue Fahrt aufgenommen hat. Ein Beispiel dafür lieferte (wenn auch nicht ganz explizit) Axel Weber, der ehemalige Chef der Bundesbank, auf einem Vortrag in Chicago letzte Woche: er fürchte, so die Chicago Tribune, die finanziellen Bedingungen müssten sich in Europa noch weiter verschlechtern, ehe die Führungen drastische Maßnahmen ergreifen. Aber, wenn man inmitten einer Krise schnell handle, würden die Menschen die Notwendigkeit dringenden Handelns verstehen.2 Schnelles Handeln, das haben schon die letzten zwei Jahre bewiesen, bedeutet nichts anderes als die Entmachtung der Parlamente.

Deutschland über alles
Beide konkurrierende Strategien können letztlich nur an der bürgerlichen Demokratie vorbei (oder über ihren Kadaver hinweg) realisiert werden. Ein deutscher Ausstieg aus dem Euro müsste ohne Vorankündigung erfolgen; sonst wäre der planlose Zusammenbruch des Währungssystems auf jeden Fall schneller, der unter heutigen technischen Voraussetzungen binnen Stunden erfolgen kann. Es kann und wird bei dieser Strategie also weder eine öffentliche Debatte noch eine parlamentarische Entscheidung dazu geben. Dennoch sind womöglich die unmittelbaren politischen Kosten geringer als bei der zweiten Variante, denn formal bliebe vorerst die Gestalt der Exekutive die gleiche und der Parlamentarismus erhalten.

Dass der Ausstieg aus dem Euro aus der CSU gestützt wird, hat sicher auch damit zu tun, dass diese beim großeuropäischen Plan völlig bedeutungslos würde; kann aber auch andeuten, dass die Rüstungsindustrie diese Version bevorzugt. Das entbehrt nicht einer gewissen Logik – die Auskopplung aus dem Euro könnte nur deshalb überhaupt funktionieren, weil diese neue Währung augenblicklich zur Weltreservewährung würde.3 Gleichzeitig würde dieser Schritt einen tiefen sichtbaren Graben zu den europäischen Nachbarn aufreißen wie auch zu den USA 4 und daher erfreuliche Perspektiven für die Rüstungsproduzenten.5 Die gelegentlichen Seitenhiebe, die jetzt schon zwischen Deutschland und Frankreich hin- und herfliegen, geben einen Vorgeschmack.

Welches Ausmaß die dann fällige nationalistische Propaganda annehmen dürfte, lässt sich unschwer an den Tönen erkennen, die die deutsche Presse heute schon gegenüber Griechenland anschlägt. Verantwortlich für alle Probleme, die dieser Schritt bis ins Alltagsleben hinein auslösen dürfte, wären mit Sicherheit die Anderen. Der politische Widerstand gegen diese Propaganda ist jetzt schon schwach.

Es ist vorstellbar, wenn auch nicht garantiert, dass in dieser Version erst einmal keine repressiven Maßnahmen erfolgen. Das ist zumindest ein kleiner Vorteil dieser Variante, auch wenn der Aufschwung, den faschistische Positionen dadurch erfahren dürften, dies wettmachen könnte.

Bleibt die Frage, ob diese Variante logistisch überhaupt umsetzbar ist. Schließlich müsste dafür nicht nur die Herstellung, sondern auch noch die Verbreitung der neuen Währung zumindest bis in die Banken vor Ort erfolgreich geheim gehalten werden; da dies wenigstens ein, zwei Wochen in Anspruch nähme und eine große Anzahl Personen involviert wäre, eher unwahrscheinlich.

Europa unter einer Herrschaft
Die zweite Variante beinhaltet einen augenblicklich tieferen Einschnitt. Die Eurozone ließe sich nur halten um den Preis einer völligen fiskalischen und einer sehr weitgehenden Vereinheitlichung auf weiteren Bereichen. Angedeutet wurde dies unter anderem durch die Äußerung Gerhard Schröders, die nationale Souveränität müsse in Europa preisgegeben werden. An die Stelle der nationalen Regierungen träte dann die Europäische Kommission.

Auf europäischer Ebene gibt es nur einen scheinbaren Parlamentarismus. Tatsächlich hat die Kommission eine Verfügungsgewalt, der keinerlei echte Kontrolle gegenübersteht. Eine schnelle Angleichung der Steuersysteme (und wir reden hier von Wochen, nicht von Jahren) wie der gesamten Wirtschaftspolitik wäre aber gar nicht anders möglich als über eine ungezügelte Exekutive, die über diktatorische Eingriffsmöglichkeiten in die betroffenen Länder verfügt. Schröders Äußerung hat sichtbar werden lassen, dass solche Überlegungen tatsächlich angestellt werden. Erreicht werden könnte dieses Ziel inmitten eines wirtschaftlichen Zusammenbruchs über eine Welle von Ermächtigungsgesetzen, in denen die einzelnen Parlamente ihre Entscheidungsrechte preisgeben und die Macht an die Kommission oder womöglich einen noch erleseneren Zirkel übertragen.6

Nun gibt es auch in linkssozialdemokratischen Kreisen Phantasien über eine europäische Wirtschaftsregierung. Man könne ja Europa auch positiv vereinheitlichen, indem etwa der jeweils höchste Mindestlohn und der jeweils höchste Kapitalsteuersatz für alle gelten. Das klingt hübsch, übergeht aber völlig, dass der Zug längst in die entgegen gesetzte Richtung unterwegs ist. Die „Rettungsverträge“ etwa haben den für die Bevölkerung jeweils schlechtesten Standard zum Vorbild; so wurde z.B. Hartz IV exportiert. Gäbe es eine starke, gut koordinierte europäische Linke und tatsächlich europaweit solidarisch handelnde Gewerkschaften, hätten diese Phantasien zumindest eine realistischere Grundlage (auch wenn die Frage bleibt, warum dann all diese Kraft für die Rettung des Kapitalismus vergeudet werden sollte). Tatsächlich müsste sich all dies erst als Reaktion auf die Vereinheitlichung entwickeln; und das Verhalten der deutschen Gewerkschaften bei den bisherigen Aufrufen des Europäischen Gewerkschaftsbundes zu gemeinsamen Aktionen macht da nicht gerade große Hoffnungen. Und es ist keine Auseinandersetzung in ruhigen Zeiten; um dem Kapital Zugeständnisse abzuringen, wenn es vor dem Bankrott steht, braucht es eine deutlich größere Wucht.

Das reale Antlitz dieser Form von Regierung dürfte sich eher an den „Rettungsverträgen“ orientieren. Die Krise ist nämlich nicht vorüber, selbst wenn der Euro durch ein solches Manöver stabilisiert würde. Es bräuchte immer noch den vollen Zugriff auf alle staatlichen Ressourcen, um das System am Leben zu erhalten, und was den griechischen Rentnern angetan wurde und wird, blühte dann allen BewohnerInnen des Euroraums. Formal wäre eine solche europäische Regierung eine Diktatur; mit vollem Zugriff auf die militärischen Ressourcen und die Polizeikräfte des Euroraums (was durch EuGenFor ja bereits vorbereitet ist), großem Interesse an der Aneignung außereuropäischer Rohstoffe in scharfer Konkurrenz zu den USA und China; und das alles unter deutscher Vorherrschaft.7 Wie weit und wie lange politische Rechte unter diesen Voraussetzungen erhalten blieben ist fraglich. Stabilisieren ließe sich dieses Konstrukt nur durch einen äußeren Konflikt und eine gemeinsame Ideologie. Aber letztere liegt ja in Gestalt des Antiislamismus schon fertig gebündelt auf dem Tisch.
Die politische Konsequenz dieses Szenarios wäre ein abruptes Verschwinden der reformistischen Option. Jegliche Veränderung zum Besseren würde einen Sturz dieser Regierung erfordern, eine Zerschlagung der herrschenden Macht, schlicht, einen europäischen Aufstand.

Ein Glück nur, dass womöglich das Kapital unserer europäischen Nachbarn mit seiner Unterwerfung unter das deutsche nicht ganz so einverstanden ist.

Quellen:
1. Allerdings streben beide Versionen nach der Macht über Europa

2. http://articles.chicagotribune.com/2011-09-16/features/chi-germanys-weber-says-eurozones-debt-issues-to-worsen-and-need-crisis-management-20110916_1_eurozone-financial-crisis-axel-weber

3. Man sehe sich nur einmal an, wie schnell nach dem Beschluss der Schweizer Nationalbank, den Franken bei einem Kurs von 1,25 pro Euro zu fixieren, exotischere Währungen wie die norwegische Krone nach oben schossen

4. Dieser Schritt dürfte zu einem sehr schnellen Absturz des Dollar führen, weil die bisherige scheinbare Stabilität im Verhältnis Euro/Dollar einzig darauf beruht, dass beide Währungen angeschlagen sind. Die USA dürften dies nicht ganz zu Unrecht als feindlichen Akt begreifen.

5. Dass die europäische Entwicklung das Potential für neuerliche innereuropäische Kriege beinhaltet, ist auch in den USA schon aufgefallen. In seinem Aufsatz „The Crisis of Europe and European Nationalism“ kommt George Friedman, Gründer des Privatgeheimdienstes Stratfor (www.stratfor.com) , zu dem Schluss: „Wir befinden uns noch am Anfang des Prozesses, in dem Kümmernisse angesammelt werden und man sich erinnert, wie man haßt, aber wir haben den Prozess begonnen. Wie sich dies entwickelt, wie Politiker, Finanziers und Medien diese Kümmernisse deuten, wird große Auswirkungen auf Europa haben. Daraus mag ein breiteres Gefühl des nationalen Verrats entstehen, was genau das ist, was die Europäische Union verhindern sollte.“ Es stellt sich allerdings die Frage, welche Schlüsse eine US-Regierung aus einer solchen Analyse durch einen regierungsnahen Informationsdienst zieht, wenn das deutsche Dominanzstreben so sichtbar wird.

6. Das Stichwort Kommission stammt von Schröder. Eine weitere Vorstellung, wie eine solche völlige Entmachtung der Einzelstaaten aussieht, lässt sich im Entwurf für den Europäischen Stabilitätsmechanismus erkennen: http://consilium.europa.eu/media/1216793/esm%20treaty%20en.pdf . Wie auch immer sich dieses Triumvirat zusammensetzt, sein politischer Charakter bleibt.

7. Der oben schon erwähnte Blog germanywatch führte ein Zitat an, das einen gruseln macht. Es stammt aus einem Buch aus dem Jahr 1944, verfasst vom ehemaligen stellvertretenden US-Außenminister Sumner Welles. Er schrieb (eigene Übersetzung): „Dieses im Sinn, lassen sich die deutschen Offiziere, die den Weg für den nächsten Krieg bereiten sollen, von folgenden Annahmen führen.
Es wurde ihnen gesagt, dass der Krieg, den Deutschland der Welt 1939 aufzwang, einzig deshalb verloren gehen wird, weil die materiellen Ressourcen der deutschen Armeen unzureichend waren (..). Daher müsse, um dieses rein materielle Hindernis zu überwinden, der deutsche Generalstab den neuen Krieg vorbereiten, indem er ganz Europa zur Basis seiner Operationen (und seiner materiellen Versorgung) macht statt Deutschland selbst. (…)Die Erfahrung hat belegt, dass eine rein militärische Besetzung keinesfalls in der völligen politischen und wirtschaftlichen Beherrschung eines eroberten Landes resultiert. Nur durch den tatsächlichen Besitz der Schlüsselindustrien und durch direkte Komplizen im politischen Leben des besetzten Landes kann eine zufrieden stellende Kontrolle ausgeübt werden.“ Sumner Welles, The time for decision, 1944
Die Vorbereitungen für ein deutsches Europa nach dem Krieg fanden nicht nur im Generalsstab statt, woher Welles seine Informationen bezog. Beteiligt daran war auch Ludwig Erhard. Vor diesem Hintergrund hat es einen besonderen Beigeschmack, wenn dieser mittlerweile manchen selbst in der LINKEN als Bezug dient.

Antifaschismus ist Bürgerpflicht

Es hat uns gefreut, dass Eva Bulling-Schröter in ihrer gemeinsamen Presseerklärung mit Ulla Jelpke (http://www.ulla-jelpke.de/news_detail.php?newsid=2032) die Bedeutung des Antifaschismus für die Linke hervorgehoben hat. Wenn sie diese Position auch in ihrem Landesverband vertreten würde, könnten wir ihr dies auch glauben.

Selbstverständlich muss sich die Linke gegen die Diffamierungen, die das bayrische Innenministerium auf seinem Internetportal "gegen Linksextremismus" verbreitet, zur Wehr setzen, auf dem antifaschistisches Engagement wie eine "mit Drogensucht vergleichbare Krankheit" behandelt wird. Das ist allerdings schwierig, so lange ein erst letztes Jahr auch von Eva Bulling Schröter zum Landessprecher gelobter Michael Wendl den Antifaschismus im "Revolutionsmuseum" verortet und Aktionen eines breiten zivilgesellschaftlichen Bündnisses gegen den Naziterroristen Wiese als "borniert" bezeichnet.

Gegen den großen Herrmann im bayrischen Innenministerium können wir uns nur dann erfolgreich zur Wehr setzen, wenn der "kleine Herrmann" aus dem Kreisverband München ihn nicht mehr erfolgreich kopieren kann. Selbst die erfreute Meldung der "jungen Freiheit" über die Politik des Innenministeriums wurde von dem Jubel der Nazis auf "freies-netz-süd" über Wendls Einsatz gegen einen antifaschistischen Konsens noch übertroffen.

Eva Bulling-Schröter ist zwar gerne bereit, eine antifaschistische Sonntagsrede zu schwingen; im Landesverband Bayern hat sie den Antifaschismus aber bisher nicht verteidigt. So lange dies der Fall ist, wären alle gut beraten, sich zu diesem Thema verläßlichere PartnerInnen in Bayern zu suchen. Genau aus diesem Grund hatten wir bundesweit über die Causa Wendl informiert. Wer sich mit Wendl und seinen bayrischen FreundInnen einlässt, hat den
Antifaschismus verlassen.

Koordinierungskreis AKL Bayern

Sonntag, 28. August 2011

Die gesparte Demokratie

von Dagmar Henn

Während die wirtschaftliche Krise immer neue Schritte voran macht und uns bald wieder mit einer Bankenpleite unterhalten dürfte (Spitzenkandidat hierfür schon seit den Rückforderungsklagen die Bank of America), entwickelt sich auch die politische Krise immer schneller, aber ohne die ihr gebührende Aufmerksamkeit zu erhalten.

Es scheint, als ob die jeweils aktuelle Form der Erosion demokratischer Möglichkeiten stets zu neu ist, um wirklich wahrgenommen zu werden. Seit 2008 sind – nicht nur in Deutschland – enorme Finanzmittel der Staaten der parlamentarischen Kontrolle und mithin der „demokratischen Zone“ entzogen. Dieser Schritt wurde in der Öffentlichkeit nur als ökonomisches, nicht aber als politisches Handeln wahrgenommen. Als wäre es nicht das Kennzeichen der politischen Ökonomie, dass jedes Handeln in diesem Bereich immer beides zugleich ist. Als wäre es möglich, in aller Unschuld mal eben das parlamentarische Kernrecht, die Entscheidung über das Budget, preiszugeben.

Mittlerweile sind wir bedeutende Schritte vorangekommen. Drei Staaten der Eurozone, Griechenland, Irland und Portugal, mussten bereits Verträge unterzeichnen, die die Politik des Landes in einem Ausmaß binden, dass jede Wahl zur Dekoration verkommt und jede Form reformistischer Politik vollends unmöglich ist. Jeder weitere Schritt zur „Rettung“ mal dieser, mal jener Bank über diesen oder jenen Umweg (vorletzte Woche wurde gemunkelt, die SocGen kränkele) wird von einem erneuten Eingriff in parlamentarische Rechte begleitet. Jüngstes Beispiel war das in der „Welt“ zitierte Papier aus dem Hause Schäuble, das eine weitgehende Aufhebung der fiskalischen Souveränität verlangt. Gleiches übrigens in ebendieser Woche seitens der Bundesbank, die in ihremMonatsausblick für August die Einführung von Eurobonds mit einem Kappen fiskalischer
Souveränität koppelte.

Diese Entwicklung ist nicht überraschend. Betrachtet man das Feld der Ökonomie alleine, so könnten Eurobonds nur etwas nutzen, wenn die Rahmenbedingungen in den beteiligten Ländern weit genug aneinander angeglichen wären, dass eine Aufspaltung der Eurogruppe schlicht nicht mehr möglich ist. Das bezieht sich auf das gesamte Steuersystem wie auf Bereiche des Wirtschaftsrechts u.ä. Vorstellbar, dass im Frühjahr des vergangenen Jahres solche Bonds noch ohne diese Angleichungen wirksam gewesen wären. Aber das ist pure Spekulation. So zu tun, als wäre daher eine Einführung dieser Bonds unter solchen Bedingungen ein Schritt nach vorn, kann allerdings nur gelingen, wenn man die politische Seite dieses Handelns völlig außer acht lässt.

Die Spielregeln des Spiels „Eurorettung“ hatten bisher einen Hauptautor, und das war die BRD (wieweit das die Regierung ist, wie weit das deutsche Kapital, ob deren Verbindung direkt oder systemisch erfolgt, das können wir getrost künftigen HistorikerInnen überlassen). Der erwartete Verzicht auf nationale Souveränität erfolgt also auf eine Art und Weise, die vor allem dem deutschen Kapital nützt. Gut, selbst wenn dem nicht so wäre, ist doch anzunehmen, dass sie zumindest dem europäischen Kapital mehr nützen als der europäischen Bevölkerung. Die Versuchung, einer explizit dem deutschen Kapital nützenden Regelung zuzustimmen, ist allerdings für gewisse Leute hierzulande deutlich größer; so erklären sich auch die Einwände, die die SPD gegen manche Schritte hegt und die bisher noch nie mit der Frage der Demokratie begründet wurden.

Können Eurobonds zum jetzigen Zeitpunkt ein linkes Projekt sein?

Dafür kann man nicht umhin, die politischen Konsequenzen genauer zu betrachten. Und hierbei macht es einen deutlichen Unterschied, ob wir die Frage heute oder vor einem Jahr stellen.

Im Frühjahr 2010 wären von allen Euro-Staaten gemeinsam begebene Bonds denkbar gewesen, die keinen Bruch der nationalen Souveränität und keine Bedrohung der Demokratie bedeutet hätten. Unter diesen Voraussetzungen wären sie zwar vermutlich dennoch keine Lösung gewesen, aber sie hätten zumindest keinen Schaden angerichtet. Heute stellt sich die Situation anders dar. Symbolisch dafür muss man nur an die auf einem Treffen von Merkel und Sarkzy entwickelte beiläufige Forderung denken, die Eurostaaten sollten eine Schuldenbremse in ihre Verfassungen schreiben.

Noch einmal in Zeitlupe: die zwei Regierungschefs der wirtschaftlich stärksten Länder der Eurozone treten vor die Presse und erteilen den Reststaaten die Order, eine „Schuldenbremse“ in ihre Verfassung zu schreiben. Sie sind gegenüber den Parlamenten anderer Länder nicht weisungsbefugt. Sie sind auf keine Weise legitimiert, auch nicht durch europäische Verträge, beim Kaffetrinken die Verfassungen anderer Länder umzuschreiben. Die Zeiten, dass ein Herrscher (oder selbst zwei) diktiert, welche Gesetze gemacht werden mögen, sind eigentlich schon zwei Jahrhunderte vorüber. Dennoch spielte sich diese Szene nicht nur ohne jeglichen öffentlichen Aufschrei ab, ihr folgte sogar die eilfertige Zusage der spanischen Regierung, bald Vollzug zu melden.

Die „Schuldenbremse“ kennen wir in Deutschland ja schon. Sie ist ein kleines Hilfsmittel, um die Auseinandersetzungen, die zwischen den Klassen um den Zugriff auf staatliche Ressourcen geführt werden, für die unteren zu einem Hindernislauf zu machen. Ihre Etablierung ändert nichts an der Tatsache, dass jede Verbesserung erstritten werden muss. Sie erschwert aber den Kampf darum. Es geht um eine Einschränkung eines demokratischen Rechtes, das, wie alle demokratischen Rechte in der bürgerlichen Republik, den Spielraum definiert, auf dem sich Interessen, die nicht die herrschenden sind, Wege suchen können. Es versteht sich von selbst, dass diese Hürde für Bankenrettungen nicht relevant ist.

Diese „Schuldenbremse“ wird also nun per ordre de mufti nach Europa exportiert. Hier trifft sie auf Bedingungen, die deutlich schärfer sind als in Deutschland, dem es schließlich gelang, das ganze Zwischenhoch der großen Krise allein zu verfrühstücken. Auf eine Jugendarbeitslosigkeit über oder an 40%, wie in Spanien und Griechenland. Auf eine Wirtschaft, die sich schon vor dem Ende von QE 2 in der Rezession befand. Für alle bisher noch nicht betroffenen Länder ist sie der Einstieg in die völlige Versklavung, wie sie Griechenland, Irland und Portugal bereits widerfahren ist.

Welche Bedingungen sind das, auf die Europa zustrebt? Mit einmaligen Entscheidungen (sei es ein Parlamentsbeschluss zum EFSF oder die Unterschrift unter die „Rettungsverträge“) wird das Recht des gewählten Parlaments, über die Verwendung der vom Staat erzielten Einnahmen zu entscheiden, teilweise oder vollständig auf Dauer ausgehebelt. Die Vereinheitlichung, die durch die Eurobonds erzwungen würde, wird sich auch auf die Entscheidung zur Erhebung von Steuern beziehen. Damit ist das Recht der fiskalischen Entscheidung an beiden Enden gekappt.

Das Geld, das der Staat als Steuern einnimmt, wandert aus der privaten in die öffentliche Hand und dient der Erfüllung öffentlicher Aufgaben. Es handelt sich um eine Form der Allmende, ein Gemeingut. Wie jedes Gemeingut ist dieses Budget Gegenstand von Auseinandersetzungen, und jeder, der sich bereits mit konkreter Politik befasst hat, weiß, dass es kaum eine politische Forderung gibt, die nicht auch eine finanzielle Seite hat und ohne den Zugriff auf das Gemeingut des öffentlichen Budgets nicht verwirklicht werden kann. Das Geld in den Händen der Staaten ist also kein Geld, das einfach da ist und das in den Streitigkeiten der Klassen keine Bedeutung hat. Ganz im Gegenteil, hier ist das Feld, auf dem diese Streitigkeiten am heftigsten toben können, selbst wenn dies auf eine schwer nachvollziehbare Art geschieht.

Eine Aufhebung des Budgetrechts, wie sie sich abzeichnet, ist ein gravierender Eingriff in die Souveränität. Dieser Eingriff ist deshalb verheerend, weil die konkreten Auseinandersetzungen nach wie vor nicht auf europäischer Ebene, sondern auf der der Nationalstaaten stattfinden. Hier formiert sich der Widerstand gegen soziale Kürzungen, hier finden sich die politischen Mittel, um ihn zu artikulieren, hier gibt es eine öffentliche Meinung, um deren Hegemonie man ringen kann. Auf der europäischen Ebene gibt es zwar ein Parlament, aber es existiert ohne wirklichen europäischen öffentlichen Raum und es ist der Exekutive gegenüber schwach wie ein Parlament des Absolutismus. Eine Verlagerung von Auseinandersetzungen von der nationalstaatlichen Ebene auf die europäische bedeutet also zu allererst eine bedeutende Schwächung der demokratischen
Handlungsoptionen.

Aber damit nicht genug. Die öffentlich einsehbaren „Rettungsverträge“ lassen erkennen, bis zu welchem Punkt diese Entwicklung fortschreiten kann. Dass in diesen Verträgen festgeschrieben ist, auf welches Alter der Renteneintritt zu erhöhen ist oder wie weit die Arbeitslosenunterstützung sinken soll, dass die Mehrwertsteuerhöhe ebenso festgelegt wird wie die Gestaltung des Gewerberechts ist schon schlimm genug; dass die Kraft der Linken in keinem der betroffenen Länder ausreichte, die Unterzeichnung dieser Verträge zu verhindern ist betrüblich. Noch gravierender allerdings ist die politische Folge dieser Verträge. Wenn auch nur die kleinste Verbesserung über das darin festgeschriebene Maß des Elends hinaus angestrebt wird (und wer liest, was in Griechenland geschieht, weiß, es geht um Elend und nichts weniger), ist dies nur möglich, wenn der Vertrag und die ganze mit ihm verknüpfte Konstruktion verlassen wird. Ein erfolgreicher Kampf um eine Erhöhung der Renten um zwei Prozent würde einen Austritt aus der Eurozone wie aus der EU erfordern.

Es gibt historische Momente, in denen die kleinste Forderung nur noch mit einem völligen Umstürzen der alten Ordnung verwirklicht werden kann. In revolutionären Momenten (und hier geht es um den Moment selbst, den Augenblick, den berühmten flügelschlagenden Schmetterling) führt die Forderung nach einer Scheibe Brot in eine andere Gesellschaft. Diese Momente ereignen sich; die Verträge führen eine solche Situation gezielt herbei. Die ganze sozialdemokratische Rolle vom kleineren Übel bis zur schrittweisen Verbesserung ist obsolet; sie ist aus dem Skript gelöscht. Auch das gab es bereits; in Zeiten, in denen die bürgerliche Demokratie durch eine andere Form der Herrschaft ersetzt wurde. Nach bisheriger Erfahrung lässt dann die gewaltsame Unterdrückung nicht mehr lange auf sich warten. Aber selbst wenn nicht – wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass hier der Rahmen der bürgerlichen Demokratie verlassen wird. Das kann für Linke nicht begrüßenswert sein.

Eurobonds, wie sie im Augenblick im Gespräch sind, sind nichts als ein weiterer Schub in diese Richtung. Sie retten vielleicht den Euro für eine Zeit; die Demokratie vernichten sie aber mit Sicherheit. Diesen Preis sollten wir nicht zu zahlen bereit sein.

Montag, 8. August 2011

Links bleiben: AKL-Konferenz zur Programm- und Strategiedebatte

DIE LINKE in Bewegung

Einladung zur Programm-Konferenz der Antikapitalistischen Linken (AKL)

Sonntag, 4. September 2011 in Berlin, Haus der Jugend Wedding, Reinickendorfer Str. 55, 13347 Berlin, U9 Nauener Platz


Für den Bundesparteitag Ende Oktober liegt der Entwurf für das zukünftige Grundsatzprogramm der LINKEN zur Diskussion und Beschlussfassung vor. Kurz vor dem Antragsschluss lädt die Anti-kapitalistische Linke in der Partei zu einer Konferenz nach Berlin ein:

11:00-13:00 Uhr:

LINKS BLEIBEN

Bestandsaufnahme nach 18 Monaten Programmdiskussion

Inputs zu zentralen Themen der Programmdebatte:

· Kapitalismuskritik und Ziel des demokratischen Sozialismus (Ulla Jelpke)

· Konsequent für Frieden und Abrüstung (Tobias Pflüger)

· Glaubwürdigkeit der LINKEN - Mindestbedingungen für Regierungsbeteiligungen (Sevim Dagdelen)

Anschließend: Diskussion im Plenum, Moderation: Martina Tiedens

Ziel ist es, sich gemeinsam über den vorgelegten Entwurf zu verständigen und über mögliche Änderungsanträge zu beraten. Inhaltliche Schwerpunkte sind hierbei die Kapitalismusanalyse und das Ziel des demokratischen Sozialismus, die friedenspolitischen Positionen und die Mindestbedingungen für Regierungsbeteiligung.

-Mittagspause-

13:30-15:00 Uhr:

DIE LINKE IN BEWEGUNG

Klassenanalyse, politische Bündnisse und soziale Bewegungen:

Wer soll das alles ändern, was zu ändern ist?

Diskussion im Plenum, Moderation: Sabine Lösing und Uwe Hiksch

Die Konferenz soll Raum bieten für strategische Diskussionen über die Lage der Partei in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation. Im Fokus steht für uns dabei die Frage, wie es der LINKEN besser gelingen kann, dass aus passivem Unmut aktive Gegenwehr wird und wie sie aktuell ihren Beitrag dazu leisten kann, gesellschaftlichen Widerstand zu mobilisieren.

15:30 bis 17:30

LANG LEBE DIE AKL

Wie weiter mit der Mutter aller Strömungen

Diskussion zu weiteren Schwerpunkten und zu der Struktur der Antikapitalistischen Linken in und bei der LINKEN. Moderation: Nele Hirsch und Tobias Pflüger

Wir wollen über die weitere Arbeit der Antikapitalistischen Linken diskutieren und dabei unter anderem beraten, ob die AKL sich auch auf Bundesebene als fester Zusammenschluss gründen sollte oder weiter als Netzwerk agiert.

Zum Haus der Jugend Wedding gelangt ihr, indem ihr vom Berliner Hauptbahnhof die S-Bahn in Richtung Westkreuz nehmt und bis Zoologischer Garten fahrt. Dort steigt ihr in die U-Bahn U9 Richtung Osloer Straße und steigt an der Haltestelle Nauener Platz aus. Von dort ist das Haus der Jugend (Reinickendorfer Str. 55) nur 100 Meter entfernt.

Um einen Überblick über die Teilnahme zu haben und Getränke einplanen zu können, bitten wir um Anmeldung: info@antikapitalistische-linke.de

Essen: Selbstverpflegung

Samstag, 6. August 2011

In Memoriam - Rainer Schilke - KV Miesbach

Wider hat uns ein guter Freund und Genosse nach einer kurzen schweren Krankheit verlassen.

Rainer Schilke war einer der ersten Kreisvorsitzenden, die mich nach meiner Wahl zum Landesprecher in Bayern zu seinem KV eingeladen haben. Daraus entstand eine lange und aufrichtige Freundschaft. Wir kämpften gemeinsam mit seinem Freund Klaus Dieter Mundle und anderen Genossen/innen um die Unabhängigkeit des KV Miesbach und blieben in unseren Bemühungen erfolgreich.

In vielen Nachtstunden, weil Rainer sich um seinen schwer behinderten Sohn bemühen musste, wurden Konzepte und Strategien entwickelt, wie man die vielen Widersacher, die diesen kleinen KV vereinnahmen wollten am besten abwehren könnte.

Rainer Schilke und seine politischen Freunde gaben nicht auf, kämpften gleichzeitig für die Erwerbslosen und die sozialschwachen und mussten sich immer wieder aufs Neue beweisen. Rainer Schilke wusste immer wo er seine politische Heimat suchen muss und wer seine wahren politischen Freunde in der Partei „ Die Linke“ sind.

Er war aufrichtig und unbeugsam in seiner Haltung zu demokratischen Sozialisten. Er versprach mir bei Sonderparteitag in Schweinfurt dabei zu sein und hielt sein Wort. Über seine Anwesenheit freute ich mich ganz besonders. Nach meinem Rücktritt als Landessprecher drückte mir die mit den Worten „ Du hast Recht und das alleine zählt „ !

Rainer Schilke werde ich vermissen und es werden mir die vielen Diskussionen in den langen Nächten der vergangenen drei Jahre fehlen. Von Rainer Schilke konnte ich viel lernen. Obwohl ihm der Schicksal nicht gnädig war, verlor er nie seinen Humor und kämpfte bis zu letzt mit einer bewundernswerten Haltung seinen letzten Kampf. Mit Rainer haben wir einen Genossen und einen Amtsträger der Partei verloren, der nur schwer zu ersetzen sein wird.

Mein Mitgefühl gilt in dieser schweren Stunde, seiner Familie, seinen schwer behinderten Sohn, und seinen politischen Freunden und Mitgefährten. Rainer wir werden dich nicht vergessen. Wir werden auch in deinem Namen weiter kämpfen und siegen.

Franc Zega

Der Koordinierungskreis der AKL Bayern schließt sich diesen Worten an und wünscht Rainers Familie viel Kraft.

Mittwoch, 3. August 2011

Sommerschule 2011 der AKL Bayern

Liebe Genossinnen und Genossen,

wir laden Euch ein zur Sommerschule der Antikapitalistischen Linken Bayern.

Wir wollen uns mit der aktuellen politischen Lage, der Situation in unseren Kreisverbänden, unserem Landesverband und der Bundespartei in offener Diskussion auseinandersetzen und unsere Programmdebatte anhand des Leitantrages fortführen.

Wir wollen miteinander lernen, diesmal zum Thema Parteistrukturen vor Ort, Umgang mit Satzungen und Wahlordnung, Kommunalpolitik und Wahlrecht, sowie Aspekte eines Landtagswahlprogrammes.

Wir wollen aber auch miteinander reden über das, was uns bewegt, gemeinsam kochen, essen und singen, wandern und in unserer Freizeit unser zusammen in einer Partei unterwegs Sein als etwas erleben, was auch mal Spaß machen und gut tun kann.

Wir laden Euch ein zur:

Sommerschule der AKL Bayern

12.-15. August 2011 im Bamberger Naturfreundehaus, 96110 Scheßlitz/Demmelsdorf, Rabensteinweg 23


Das Naturfreundehaus als den richtigen Ort dafür könnt Ihr Euch unter folgendem Link schon mal anschauen:

http://www.naturfreundehaus-demmelsdorf.de/

Wir schlagen Euch keine feste Tagesordnung vor, die wollen wir uns vor Ort selber geben. Dabei werden wir uns auch nach dem Wetter richten, so beim Grillabend und Filmabend mit Anschauen eines politischen Films als Anregung zur Diskussion.

Wir wollen uns selbst versorgen und die anstehenden Aufgaben unter uns verteilen. Es gibt unterschiedliche Zimmer und Schlafplätze, wer möchte, kann Zelt und Schlafsack mitbringen, gerne auch Eure Partner_innen, Kinder, Hunde oder wen Ihr sonst noch mit dabei haben wollt. Gitarren und Liederbücher der Arbeiterbewegung sind auch noch gefragt.

Was uns das Ganze kostet, hängt noch ein wenig von der Zahl der Anmeldungen und der Zimmerwünsche ab, soll aber für keine/n, die/der Lust hat mit dabei zu sein, ein Hindernis sein. Probleme mit der Finanzierung wollen wir in Form von Patenschaften untereinander lösen. Bitte auch melden, wer eine Fahrgemeinschaft braucht oder anbietet.

Ihr seid auch völlig frei in Eurer Entscheidung, wie lange Ihr bleiben wollt. Es geht also auch nur ein oder zwei Tage, wem die vier Tage zu lang sind. Anreise am ersten Tag wäre so gegen 19:00 Uhr zum Abendessen, Abreise Montag im Lauf des Tages, wer da noch Zeit hat.

Bitte meldet Euch bei uns vom Orga-Team an, damit wir besser planen können:

martina.tiedens@t-online.de und geoffreys@freenet.de

Wir freuen uns auf Eure Anmeldungen und auf ein Wiedersehen aus den Ecken und Winkeln der antikapitalistischen Reservate Bayerns.

Mit sozialistischen Grüßen

Koordinierungskreis AKL Bayern

Sonntag, 24. Juli 2011

Koordinierungsrat der Antikapitalistischen Linken Bayern

Der Koordinierungsrat der Antikapitalistischen Linken Bayern umfasst auf Beschluss der Landesmitgliederversammlung vom 23. Juni 2011 sechs Mitglieder. Gewählt wurden nachfolgende GenossInnen:

Erkan Dinar, Weißenburg in Bayern
Holger Grünwedel, Würzburg
Dagmar Henn, München
Dominik Lehmann, München
Angelika Schömig, Hersbruck
Dr. Martina Tiedens, Coburg

Donnerstag, 7. Juli 2011

DIE LINKE bleibt dem Antifaschismus verpflichtet

Wir, Mitglieder der LINKEN im Landesverband Bayern, sind erschüttert über die Aussagen des Kreisvorsitzenden Michael Wendl zu dem Aufruf des Landshuter Bündnisses gegen den
Naziterroristen Wiese. Mitgliedschaft in der Linken heißt für uns gelebter Antifaschismus und Kampf gegen Antisemitismus, und so formuliert es auch das künftige Programm. Die LINKE ist dem Schwur der KZ-Überlebenden von Buchenwald verpflichtet:„Nie Wieder Krieg, nie wieder Faschismus“.

Das Verhalten von Michael Wendl ist damit nicht vereinbar. Seine Äußerungen diskreditieren Bürgerinnen und Bürger im Kampf gegen Faschismus. Sie wenden sich nicht nur gegen das Landshuter Bündnis, sondern ebenso sehr auch gegen all jene, die sich in Dresden und andernorts Naziaufmärschen in den Weg gestellt haben.

Daher fordern wir Michael Wendl auf, unsere Partei zu verlassen.

Mehrere Funktionsträger unseres Landesverbandes haben öffentlich seine Aussagen verteidigt oder heruntergespielt und ihn damit in dieser Haltung bestärkt. Damit haben sie dem Ansehen der Partei Schaden zugefügt und sich von ihren Grundsätzen entfernt. Daher fordern wir sie auf, sich klar zu unseren antifaschistischen Grundsätzen zu bekennen und von den bisherigen Aussagen zu distanzieren oder die LINKE zu verlassen.

Unterzeichner:
Kornelia Möller, MdB, Holger Grünwedel, Stadtrat Würzburg, Dagmar Henn, Stadträtin München, Erkan Dinar, Kreisvorsitzender DIE LINKE KV Weißenburg-Gunzenhausen/Ansbach, Joachim Gabriel Kreisvorsitzender Allgäu-Memmingen-Unterallgäu, Mitglied des Bundesauschuss, Mario Simeuovic, Mitglied des Landesvorstandes, Beate Jenkner Mitglied des Bezirksrat Oberbayern, Uwe Schildbach Mitglied des Bezirksrat Mittelfranken, Alexander Süssmeier MdB, Stadtrat Augsburg, Martina Tiedens Mitglied des gf. Landesvorstandes, Mitglied des Bundesauschuss

Mittwoch, 6. Juli 2011

Energieversorgung in unserem Interesse

Energiebeiräte als Instanzen demokratischer Kontrolle
von Dagmar Henn, Mario Simeunovic und Kornelia Möller(1)

Grün ist die Hoffnung auf eine Zukunft ohne Atomenergie. Sie bleibt es, solange auch die Gewinne von EnBW, E.ON, RWE und Vattenfall im hellgrünen Bereich verbleiben. Wer sich allerdings von den Grünen eine demokratische oder gar soziale Wende in der Energiepolitik verspricht, dessen Gesicht wird eher länger werden, mit Tendenz zu grüner Verfärbung.

Gerettet werden soll das Geschäftsmodell, nicht die Technologie


Zunächst ist die Nutzung von Atomenergie in Deutschland kein Dogma. Schließlich brauchen wir die Atomspaltung nicht zur Waffenproduktion oder ähnlich gewichtigen nationalen Interessen. Die Atomenergie ist auch keine zukunftsfähige Technologie, von der die Entwicklung der Gesellschaft abhinge. Sie ist veraltet. Ihr Brennstoff geht zu Neige und ihr Endprodukt, der atomare Müll, bleibt eine immerwährende Bedrohung der Natur und des menschlichen Lebens. Atomenergie hält sich deswegen so hartnäckig, weil sich damit so ungeniert Geld verdienen lässt: verborgen vor den Augen der Öffentlichkeit und fern jeder echten staatlichen Aufsicht und Kontrolle.

Auf der Agenda der etablierten deutschen Politik steht nun die Umstellung der Energieerzeugung, vor allem aber der Schutz des Geschäftsmodells monopolisierter Energieversorgung. Keine leichte Aufgabe, nachdem die großen Energiekonzerne regenerative Energien und ihre Erzeugung in kleinteiligen regionalen Strukturen weitgehend ignoriert, wenn nicht verhindert haben. Erst mit der Möglichkeit, große Windparks vor den Küsten zu betreiben, kam etwas Schwung in die Sache. Aber die Umstellung erfordert Investitionen und diese folglich Kapital. Die Gesamtkapitalrendite von EnBW, E.ON oder RWE liegt aber deutlich über denen der meisten DAX-Unternehmen(2) und es ist zu vermuten, dass sich nach dem Willen der Regierung daran nichts ändern soll.

Damit es aber so bleibt, galt es für die öffentliche Meinung den Scheinriesen der teuren regenerativen Energie zu errichten. Innerhalb der gängigen Standards einfältiger Informationsvermittlung eine eher einfache Aufgabe, denn umweltfreundlich oder "Bio" war ja schon immer etwas teurer. Gewohnheitsmäßig unterblieb denn auch die Gegenrechnung der volkswirtschaftlichen Gesamtkosten der Atomenergie einschließlich Rückbau, Lagerung und der unvermeidbaren Polizeieinsätze. Schnell waren die ExpertInnen der Energiekonzerne sowie VertreterInnen der Bundesregierung zur Hand, der um Erlösung vom Fluch des Atoms bettelnden Bevölkerung zu erklären, dass der Atomausstieg teuer werde und auf die VerbraucherInnen in jedem Fall erhöhte Energiekosten zukämen.

Nachdem sich die großen Energiekonzerne also vorwiegend der Gewinnoptimierung gewidmet hatten und über Jahrzehnte kaum Interesse an regenerativen Energien zeigten, soll ihnen der Umstieg nun versüßt werden: staatliche Subventionen für Offshore-Windkraft und amtliche Einstimmung auf Gebührenerhöhungen. Damit wäre im Spiel die Rolle der Bundesregierung klar umrissen, auch wenn diese es noch nicht so schnell begriffen hat wie Bündnis 90/Die Grünen.

Fukushima erklärt nicht alles


Die politische Reflexion der Katastrophe von Fukushima beschränkte sich nicht auf die Wendung vormals überzeugter Atomlobbyisten, als Erklärungsmodell für aktuelle Wahlerfolge von Bündnis 90/Die Grünen und Verluste anderer Parteien ist Fukushima im Angebot wie sauer Bier. Doch beruht diese Erklärung ebenso wie die Aussicht auf eine grüne Zukunft auf einem Mythos, der mit der Wirklichkeit der grünen Partei nur wenig gemein hat.

So wie der Wunsch vieler an der gelben Hoffnung klebte, mit zu denen zu gehören, die von liberalen Steuersenkungsprojekten profitieren, glauben nun viele an den Erwerb eines Ablassbriefes von den Sünden kapitalistischer Vergiftung und Zerstörung durch die Wahl der grünen Partei. Dessen ungeachtet bleiben beides exklusive Modelle; beide sind jedoch weiterhin attraktiv für die federführenden MacherInnen von Medien.

Die missverstandene Retrospektive und ihre Akteure


Die Demonstrationen gegen die AKWs sollten vor Optimismus bersten. Stattdessen wirken sie an vielen Orten eher ermattet, selbst kurz nach der Katastrophe fehlte die kämpferische Stimmung der Siebziger. Doch die Verschiebung in der politischen Zustimmung markiert keine Aufhebung der politischen Krise, sondern ist nur eine Variation derselben. Ein großer Teil der Wähler, die zur Bundestagswahl noch die FDP in ungeahnte Höhen befördert haben, tun eben nun das Selbe mit den Grünen. In beiden Fällen tun sie dies, ohne die Verbindung mit einer konkreten Vision, ohne eine echte Perspektive zu teilen.

Ein Umschwung, der nur an einem einzelnen Thema hängt, sei dies eine Steuersenkungsorgie oder ein (oberflächlicher) Kurs der ökologischen Erneuerung, ist nicht stabil und wird sich schnell als flüchtig erweisen. Diese ungewöhnlich raschen Verschiebungen im politischen Spektrum deuten vielmehr auf einen Verlust des Vertrauens in die Praxis der bundesdeutschen Demokratie, der weit über eine Abschwächung der Bindung an eine spezifische Partei hinaus geht und der die Krise des gesamten parlamentarischen Systems, die sich schon lang durch Wahlenthaltung und zunehmenden Personalmangel manifestiert hat, weiter verschärft.

In dieser Lage auf ein plötzliches Ereignis zu hoffen, das eine quecksilbrige Masse in Richtung auf soziale Fragen und damit in Richtung der LINKEN verschiebt, kommt einer Selbsttäuschung gleich. Zustimmung wie Ablehnung jener zumindest sozial recht klar umgrenzten Gruppe verlagern sich punktuell und reflexhaft. Ihnen fehlt ein verlässlicher weltanschaulicher Rahmen. Darum wäre es verfehlt, in dieser Entwicklung einen tragfähigen Umschwung zu sehen und die LINKE auf eine Nebenrolle als "soziales Korrektiv" einer ökologischen Erneuerung des Kapitalismus zu reduzieren, wie dies jüngst Bischof/Radtke getan haben(3). Beide Positionen ermöglichen keinen echten Zugang zur wachsenden Gruppe der politisch Abstinenten und machen auch kein echtes Angebot an das verbleibende, im besten Sinne liberale Bürgertum (das sich gerade zu einer bedrohten Art entwickelt). Ohne die Ursachen dieser Mischung aus politischer Impulsivität und Apathie in den Blick zu nehmen und Antworten zu finden, die eine wirkliche Perspektive bieten, bleibt politisches Handeln ebenfalls reaktiv und entfaltet selbst innerhalb der Partei DIE LINKE keine Bindungswirkung.

Es ist ein schwerwiegender Irrtum, das Thema Ökologie den Grünen überlassen zu können (wie dies Bischof/Radtke tun). Die Grünen des Jahres 2011 sind nicht die Grünen der 1970er. Mittlerweile werden dort beispielsweise Offshore-Windparks favorisiert, die - völlig anders als Windkraftanlagen an Land - vor allem von den großen Energieversorgern angestrebt werden. Sie passen in ihr überregionales Produktportfolio und bieten gute Aussichten auf massive öffentliche Subventionen; beste Voraussetzungen also für eine verspätete Flucht in die nichtfossile unternehmerische Zukunft. Eine ähnliche Verschiebung hat auch in der Frage der Mobilität stattgefunden. Dort setzen die Grünen mittlerweile nicht länger auf den öffentlichen Personenverkehr, sondern auf Elektromobilität, die ökologisch - schon allein durch ihren ungeheuren Ressourcenverbrauch und die Transportverluste - keinen Sinn macht, aber den Fortbestand der Automobilkonzerne garantiert. Auch hier besteht Hoffnung auf massive öffentliche Subvention. Es ist allein der außerparlamentarischen Legende geschuldet, die den Grünen anhaftet und die sie in der Opposition wieder intensiv pflegen, dass dieser Widerspruch nur in Spezialistenkreisen wahrgenommen wird. Wie weit die gesellschaftliche Amnesie geht, zeigt sich exemplarisch bei der Energieeinsparverordnung, deren Scheitern mittlerweile offenbar wird.(4)

Eigenes und fremdes Dilemma


In der Summe erfordern die bisher gestarteten Versuche einer marktkonformen Antwort auf ökologische Probleme entweder einen hohen öffentlichen Aufwand, um entsprechende Anreize zu schaffen, oder sie schlagen fehl, so wie die Forderung nach Biokost mittlerweile ein neues soziales Distinktionsmerkmal geschaffen, aber keineswegs die Verfügbarkeit von gesunder Nahrung für die breite Masse verbessert hat. Im Gegenteil, als Konsequenz der von den Grünen mit angetriebenen Prekarisierungspolitik wird deren Lebensraum zwischen Aldi und Tafeln begrenzt. Wer auf diese Weise eine Antwort auf ökologische Probleme erhofft, hat die Dimension der ökologischen Frage nicht erfasst.

Das strategische Dilemma, in dem sich die LINKE seit ihrer Entstehung befand, hat sich weiter verschärft. Zum einen sind die Nichtwähler, die politisch Abstinenten nicht mehr so zugänglich wie in den ersten Jahren. Wie tief das Problem der Mobilisierbarkeit hier geht, hat der Hamburger Bürgerentscheid zur Bildungspolitik bewiesen, bei dem nicht nur die LINKE, sondern auch die Sozialdemokratie wie die Gewerkschaften daran scheiterten, die im eigenen Interesse erforderlichen Stimmen zu gewinnen. Es handelt sich nicht länger um eine gelegentliche Wahlenthaltung, sondern um eine aus Ernüchterung und Resignation gespeiste grundsätzliche Abwendung von einer als ausgrenzend und ständisch empfundenen Politik, die sich durch ein partizipatives Angebot in einem einzelnen Thema nicht mehr auflösen lässt. Zum anderen belegte das Votum der "bürgerlichen Mitte", dass die unmittelbaren materiellen Interessengegensätze sogar Ansätze blockieren können, die in der politischen Programmatik parteiübergreifend fest verankert sind und von denen viele politische und gesellschaftliche Akteure überzeugt sind.

Diese Hamburger Entscheidung deutet an, dass ein gesellschaftliches Reformprojekt von den Grünen, die sich auf diese bürgerlichen Gruppen stützen, selbst dann nicht getragen werden kann, wenn dies ausdrücklich gewollt ist. Ähnliche Szenarien sind auf vielen politischen Feldern zurzeit vorstellbar. Die besten Ziele würden an der eigenen Klientel scheitern. Das betrifft insbesondere, aber nicht nur, alle sozialen Aspekte.

Eine echte Bedrohung der Demokratie geht hingegen von populistischen Reflexen der jeweiligen Parteiführung aus. Die Rehabilitierung des verlorenen Sohnes der Sozialdemokratie, Thilo Sarazzin, ist ein solcher Reflex. Ein Zugeständnis an eine xenophobe Stimmung, deren Wellen zu reiten, zumindest als Option erhalten bleiben soll.

Die Popularität dieses Sozialdarwinisten belegt, dass die Bewahrung des Status Quo für Einige unter gewaltsamem Ausschluss Vieler durchaus zum politischen Programm werden kann und dass der Gleichheitsgedanke, auf dem die Demokratie beruht, ernsthaft in Gefahr ist. Wie bedrohlich das - gerade vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte - ist, kann oder will man offenbar nicht begreifen.

Jede Überlegung zu politischer Kooperation auf unserer Seite muss auch dieses fremde Dilemma im Blick behalten, um zu einer realistischen politischen Handlungsperspektive zu gelangen. Das Eis ist nicht nur unter unseren Füssen dünn. Auf die politische Krise gibt es nach wie vor keine Antwort.

Der Schleiertanz der Verantwortungslosen


Die wirtschaftliche Krise, die gerade aus dem Blick geraten zu sein scheint, ist bei weitem noch nicht gelöst. Sie wurzelt zu tief. Selbst auf der sichtbarsten Ebene, der Krise des Finanzsektors, gibt es keine Antworten geschweige denn Lösungsansätze. Mit immer neuen Rettungspaketen für immer wieder wankende Banken, wird unvermindert gutes Geld dem Schlechten hinterher geworfen. Unter nationalistischem Getrommel werden jedoch nicht die Volkswirtschaften unserer NachbarInnen stabilisiert, sondern unsere Banken. Statt eine weit reichende Kontrolle durchzusetzen, hat die Politik (und das schließt SPD und Grüne mit ein) die finanziellen Ressourcen des Gemeinwesens den Interessen der Banken ausgeliefert. Dies und der Verzicht auf parlamentarische Kontrolle der durch den Sonderfonds Finanzmarktstabilisierung an Banken ausgereichten Steuermilliarden kommt einer Verhöhnung des Artikels 20 des Grundgesetzes gleich, nach dem alle Staatsgewalt vom Volke ausgeht.

Der Diskurs über mehr oder weniger brutale "Rettungsvorgaben" beinhaltet keinen grundsätzlichen Kurswechsel. Eine Abkehr von der Exportorientierung wird nicht angestrebt, selbst um den Preis des Zusammenbruchs der Volkswirtschaften unserer europäischen Nachbarn und damit der Erosion des bedeutendsten eigenen Absatzmarktes wie des gemeinsamen Projekts eines demokratischen Europas. Die - vorübergehend - erfolgreiche Rettung der Banken hat an der wirtschaftlichen Lage der hiesigen Bevölkerung selbst nichts geändert; sie verschlechtert sich weiter.

Diese Spaltung zwischen der öffentlich verkündeten und der erlebten Wirklichkeit trägt mit bei zur Abstinenz von den Partizipationsangeboten des demokratischen Staatswesens. Die Diskrepanz zwischen den Milliarden, die (über welchen Umweg auch immer) an die Banken weitergereicht werden und den sozialen Inszenierungen eines "Bildungspakets" wird wahrgenommen und als Ausdruck des ständischen Charakters hiesiger Machtverhältnisse sogar richtig eingeordnet, auch wenn sich dies nicht in aktivem Protest äußert. Die sich entwickelnde Inflation bei Lebensmitteln, die nicht nur durch Spekulation angeheizt wird, sondern auch durch das, was Thie als "peak everything" kennzeichnete(5), das Überschreiten des Maximums bei fast allen Rohstoffen wie bei den Nahrungsmitteln, wird auch bei uns die Lebenssituation vieler weiter verschlechtern.

St. Florian als linkes Rollenmodell


Erschwert wird die Aufklärung über diese vielschichtige Krise durch die Rolle, die Deutschland seinen Nachbarn gegenüber einnimmt, insbesondere durch die Tatsache, dass weit mehr als die deutschen die griechischen Rentner und die irischen Familien für die Rettung "unserer" Banken bezahlen(6). Ohne diese Ausweitung des Zugriffs auf den sozialen Besitz, die moderne Allmende, weit über die Landesgrenzen hinaus wäre keinerlei auch nur vorübergehende Erholung des deutschen Exportapparats möglich gewesen. Dieser nationale "Erfolg" verführt zu einer gefährlichen strategischen Fehleinschätzung. Wer das politische Handeln der LINKEN auf eine "Beteiligung der Arbeitnehmer am Aufschwung" begrenzen will, gerät in Gefahr, sich zum Komplizen dieses kolonialen Raubzugs zu machen, und erleichtert es, beim nächsten Schub aus einer der vielen Krisenebenen die Verantwortung für den abermaligen Absturz den bösen Nachbarn anzulasten. Auch DIE LINKE unterschätzt das zerstörerische Potential des nationalistischen und rassistischen Treibstoffs, der aus dieser Lage unvermindert von denen hergestellt wird, die an der Verschleierung ihrer eigenen Verantwortlichkeit ein besonderes Interesse haben.

Der notwendige Schritt von der Analyse zum Projekt


Die politische Aufgabe der LINKEN unter diesen Voraussetzungen ist weiter erschwert. Hier kann nicht mit kleiner Münze bezahlt werden. Der noch erreichbare Teil der bürgerlichen Schichten erwartet eine Antwort, die eine Lösung der ökologischen Krise mit einschließt und eine funktionsfähige gesellschaftliche wie politische Perspektive ermöglicht. Die Apathie der Ausgegrenzten (die in Wirklichkeit als nach innen gewendeter Zorn begriffen werden muss) lässt sich nicht durch ein Angebot des kleineren Übels beheben. Die höchst wirkliche Zukunftsfrage nach einer Gesellschaft, die einen Ausweg aus der wirtschaftlichen und ökologischen Krise findet - aus der privaten wie der allgemeinen - und dennoch (oder gerade deshalb) lebenswert ist, muss nicht nur gestellt, sondern auch beantwortet werden. Der Idealfall wäre ein politisches Projekt, das gewissermaßen in Miniatur die Konturen dieser Gesellschaft sichtbar macht.

Ein beispielhaftes Feld


Viele der Fragen, die mit der Katastrophe von Fukushima neu gestellt wurden, ähneln denen, die die Finanzmarktkrise aufgeworfen hat. Bei beiden geht es um die Erreichbarkeit von Mitteln, die für das Überleben in unserer Gesellschaft essentiell sind - Geld und Energie. In beiden Fällen treten von Menschen gesteuerte Organisationen den Menschen als feindliche Kräfte gegenüber; im einen Fall die Banken und die Finanzmärkte, im anderen die Energiekonzerne. Beide streben danach, sich jeder Form von öffentlicher Kontrolle zu entziehen, und versuchen zugleich, sich die politische Administration zu unterwerfen und die Willensbildung zu beeinflussen. Die Handlungen beider haben massive Auswirkungen auf das Leben von Millionen.

Während es aber den Banken gelungen ist, entgegen der Sachlage die Legende zu verbreiten, ihre originären Aufgaben könnten von öffentlichen Einrichtungen nicht übernommen werden(7), ist die Erinnerung an die einstmals öffentliche Stromversorgung noch zu nah, um den Stromkonzernen den selben Schachzug zu erlauben, und ein Verschleiern materieller Verantwortlichkeit ist bei Atomkraftunfällen deutlich schwerer als beim Zusammenbruch von Finanzmärkten. TINA - there is no alternative - hat in diesem Sektor keine Chance.

Schon vor der Privatisierung war die Verselbständigung der großen öffentlichen Energieversorger gerade in der Auseinandersetzung um die Atomkraft präsent. Ein Musterbeispiel war damals schon die Verflechtung der Energieversorger mit der Landesregierung in Nordrhein-Westfalen. Die Frage, welche Form öffentlichen Eigentums und öffentlicher Kontrolle geeignet ist, die Interessen von Bürgerinnen und Bürgern wirksam zu wahren, ist also längst aufgeworfen. Die Notwendigkeit einer Neuorientierung bei der Energieversorgung wie beim -verbrauch verleiht dieser Fragestellung neues Gewicht.

Rekommunalisierung der Energiefrage


Bis zur Regierung Kohl war die Energieversorgung eine öffentliche Aufgabe. Der Wunsch, wieder dorthin zurückzukehren, liegt also nicht so fern; der Vergleich zwischen beiden Formen ist persönlich erlebt. Die rasante Entwicklung der Gebühren für Energie gehört dazu und muss als starkes Argument für eine Transformation angeführt werden.(8)

Darüber hinaus hat der rasante Konzentrationsprozess, der sich nach der Privatisierung vollzog(9), in vielen das Bedürfnis geweckt, diese Aufgabe nicht nur öffentlich, sondern auch in einem kontrollierbareren, transparenteren Rahmen zu lösen. Was böte sich mehr an, als hierzu wieder auf die politische Ebene zurückzugreifen, die sich durch die größte persönliche Nähe und Unmittelbarkeit auszeichnet, die Kommune.

Die Ansiedlung der Verantwortung in der Kommune ist weiterhin geeignet, einen Wettbewerb im Interesse von Bürgerinnen und Bürgern auszulösen. Politisch belohnt werden kommunale Regierungen, die ihre EinwohnerInnen optimal im Hinblick auf deren Bedürfnisse versorgen. Die Qualität dieser Versorgung kann nicht verschleiert werden, sie ist in jeder Beziehung unmittelbar erfahrbar.

In Verbindung mit der Tatsache, dass auch Einsparpotentiale und die Frage eines sozial gerechten Zugangs zu Energie viel eher im kommunalen als im bundesstaatlichen Bereich gelöst werden können, entsteht ein politisches Feld, das viele ureigene linke Themen und Ansätze aufruft. Vor dem Hintergrund der erforderlichen Umgestaltung des gesamten Umgangs mit Energie stellt sich die Frage demokratischen Wirtschaftens mit all seinen Widersprüchen(10), und auch die Frage, wie die Bedürfnisse der Menschen die Oberhand über die Zwänge der Kapitalverwertung erlangen können; wie gelebte Demokratie erneuert oder erreicht werden kann und welche sozialen Rechte heute womöglich neu gesetzt werden müssen. Genau hier sollte es möglich sein, ein politisches Schlüsselprojekt zu entwickeln.

Das Projekt: Energiebeiräte

Energie als Menschenrecht


Der Ausgangspunkt für eine wirkliche Neuorientierung in der Energiepolitik sollte der Zugang zu Energie als Menschenrecht und Energie als Allmende sein. Es ist eine schon klassische linke Position, neben die politischen auch soziale Menschenrechte zu stellen; man denke nur an das Recht auf eine menschenwürdige Wohnung, das Ausgangspunkt vieler politischer Entscheidungen war, das Recht auf Bildung oder das Recht auf Arbeit (das in den letzten Jahren durch den Zwang zur Arbeit fast erfolgreich aus der Erinnerung gelöscht wurde). Zu diesem Katalog gehört auch das Recht auf eine gesunde Umwelt. Energie, Mobilität und Kommunikation sind die Sektoren, in denen sich erst in den letzten Jahren die Frage nach einem Menschenrecht stellte (bei Mobilität ging es etwa um Sozialtickets).

Wenn der Zugang zu Energie ein Menschenrecht ist, hat das natürlich Konsequenzen auch im globalen Maßstab. Sich andernorts Energie anzueignen, gleich ob in Gestalt von Öl oder zukünftig in Gestalt von Solarstrom, dabei die örtliche Bevölkerung außen vor zu lassen, widerspricht dem Gedanken eines egalitären Zugangs. Ein Zugang zu Energie für alle Menschen ist nur dann möglich, wenn nicht länger der ökonomisch leistungsfähigste Teil sich, mit welchen Methoden auch immer(11), den größten Anteil nimmt. Daraus ergibt sich die Verpflichtung, die Möglichkeiten vor Ort tatsächlich zu nutzen, ob in Form von Einsparungen oder in Form regenerativer Energiequellen. Der Zugang zum Gemeingut Energie kann sich auch hier nicht nach wirtschaftlicher Stärke entscheiden. Die Entscheidung über die Verwendung eines Gemeinguts muss demokratisch erfolgen und die regionale Selbstbestimmung respektieren. Die Verwirklichung eines Menschenrechts auf Energie kann nur politisch erfolgen.

Unter den Voraussetzungen kommunaler bzw. rekommunalisierter Energieversorgung wäre eine Verwirklichung tatsächlich möglich. Die Einheiten, über die entschieden wird, sind überschaubar genug, dass die Einbindung partizipativer Elemente realisiert werden kann. Die Bereitschaft, sich mit solchen Fragen auseinanderzusetzen, besteht. Eine Umgestaltung in Form eines offenen, partizipativen Diskurses verringert deutlich die Gefahr einer autoritär dekretierten Veränderung wie auch weiterer sozialer Spaltungen.



Kontrolle und Planung im Rahmen kommunaler Selbstverwaltung


Die Gemeindeordnungen lassen den Kommunen viel Spielraum beim Erlass kommunaler Satzungen(12). Es ist durchaus möglich, die Steuerung der Energieversorgung wie die grundsätzlichen Entscheidungen in allen die Energie betreffenden Belangen, also auch über Art und Ort ihrer Gewinnung, über ein zusätzliches Gremium vorzubereiten, das über eine kommunale Satzung dem Stadt- oder Gemeinderat angegliedert wird. In dieser Form bedeutet das keine Schwächung der Kontrollmöglichkeiten der Kommunalvertretung, sondern deren Erweiterung. In vielen Fällen, insbesondere in größeren Kommunen, scheitert eine echte Kontrolle kommunaler Unternehmen durch den Stadtrat heute nicht primär an den rechtlichen Möglichkeiten, sondern an der technischen Realisierung.

Der Informationsvorsprung, den Verwaltung und auch kommunale Betriebe haben und der in der Fachliteratur schon lang als Demokratiedefizit identifiziert wird, lässt sich nur durch mehr Geld oder durch mehr Personal für das kontrollierende Gremium ausgleichen.(13) Die meisten Menschen wollen sich aber eher mit einem bestimmten Thema beschäftigen als mit allem, was auf den Tisch geweht wird; daher ist in der jetzigen Form zusätzliches Personal schwer zu finden.(14) Ein thematisch orientierter Beirat könnte dieses Demokratiedefizit ausgleichen helfen, wenn er so aufgebaut wird, dass Engagierte ihre Kenntnisse und ihr Interessen ohne größere Barrieren einbringen können.

Partizipation ohne Exklusion


Die Energiebeiräte sollten mit Vertretern der Beschäftigten ebenso besetzt sein wie mit Umwelt-, Sozial- und Verbraucherverbänden. Stadt- oder Gemeinderäte sollten Rederecht, aber in diesem Gremium kein Stimmrecht haben (so wird es in vielen Arten von Beiräten bereits jetzt gehandhabt). Um eine Erstarrung des Gremiums zu verhindern, sollte es aber Rederecht auch für alle interessierten Bürgerinnen und Bürger geben.

Die klassische Beiratsform hat allerdings zwei Nachteile. Der erste sind die Eigeninteressen der beteiligten Verbände(15), die sich durch eine Öffnung des Rederechts nur zum Teil eindämmen lassen. Der zweite ist das soziale Ungleichgewicht, das sich in den meisten Partizipationsmodellen einstellt und das in der heutigen Gesellschaft mit ihren schärferen sozialen Konflikten weit tiefgreifendere Folgen hat als im vergangenen Jahrhundert. Das einzige bisher wirksame Rezept gegen dieses Ungleichgewicht findet sich im Ansatz der Planungszelle.

Die Planungszelle rekrutiert ihre Teilnehmer über ein Losverfahren aus der Wohnbevölkerung. Obwohl es sich nicht um Menschen handelt, die schon zuvor ihr Interesse für das jeweilige Thema gezeigt haben, ist die Teilnahmebereitschaft hoch. Das Auswahlverfahren und die Tatsache, dass die Teilnehmer für die Zeit der Teilnahme freigestellt werden und eine Aufwandsentschädigung erhalten, erreicht tatsächlich, die Dominanz sozialer Faktoren bei der Auswahl und damit den "Mittelschichtsbias" zu umgehen. Der größte Aufwand für das Verfahren der Planungszelle besteht in der Aufbereitung der erforderlichen Information; es ist allerdings bewiesen, dass alle Teilnehmer zu einer fundierten Position gelangen und sie zudem im Regelfall miteinander kooperieren. Ein politisch wünschenswerter Nebeneffekt ist die Aufhebung der Vorstellung, nur Experten (ob politische oder technische) könnten wichtige Entscheidungen fällen(16).

Es wäre überlegenswert, Bestandteile dieser Technik zu übernehmen. Im Idealfall entstünde so ein Beirat aus zwei Kammern; in der einen findet die ausführliche öffentliche Debatte mit den Verbandsvertretern statt, in der zweiten werden von durch Losverfahren bestimmten TeilnehmerInnen strittige Fragen entschieden. Die Mitglieder dieser "zweiten Kammer" nehmen nicht an den Debatten der ersten teil, sondern erhalten die Resultate und weitgehende Rechte, sich zu informieren. Der Aufwand der Mitarbeit in dieser zweiten Kammer wird entschädigt und die Mitarbeit ist auf einen kurzen Zeitraum begrenzt (drei bis sechs Monate). Das Votum, das an den Stadtrat geht, entsteht erst aus dem Votum beider Kammern.

Es mag sein, dass sich in einer Debatte über dieses Modell völlig andere Formen finden lassen. Bei konkreten Planungsentscheidungen wie z.B. der Platzierung von Windrädern mag sich ein Verfahren wie "Planning for Real17" als wirkungsvoller erweisen. Die Satzung für die Energiebeiräte sollte also entsprechende Möglichkeiten offen halten. Entscheidend sind hierbei aber folgende Kriterien: die Struktur darf sozial nicht ausgrenzend wirken und muss neue Entwicklungen gut aufnehmen können.

In kleineren Kommunen kann sich erweisen, dass die "klassische" Beiratsstruktur ausreicht. In Großstädten kann es sein, dass aufwendigere Debattenstrukturen, wie man sie aus den Bürgerhaushalten kennt, erforderlich werden. Hier sind auf jeden Fall die Risiken eines reinen Verbändebeirats deutlich höher.

Die letzte Entscheidung sollte beim Stadt- oder Gemeinderat liegen. Wenn es gelingt, die unterschiedlichen Partizipationsvarianten (zu denen technisch betrachtet auch der Stadtrat zählt) in ein Gleichgewicht zu bringen, kontrollieren sich die beteiligten Instanzen gegenseitig und die unterschiedlichsten Interessen und Bedürfnisse können erfasst werden.

Die meisten bisher praktizierten Partizipationsverfahren haben ein großes Manko - sie haben wenig zu entscheiden(18). Sie wurden als dekorative Ranke um eine Politik gewunden, die immer weitere Felder dem "freien Spiel der wirtschaftlichen Kräfte" überlässt. Wenn eine bessere Beteiligung zugesichert und ermöglicht wird, diese aber einen schrumpfenden Sektor des gesellschaftlichen Lebens betrifft, werden partizipative Prozesse nicht gestärkt, sondern eher entwertet. Dieses Manko hat der Energiebeirat nicht.

Die Mischung aus Fachlichkeit und Partizipation stellt eine breite Anerkennung seiner Ergebnisse sicher, so dass sein Votum schwer umgangen werden kann.(19) Als Steuerungsinstanz kommunaler Energieversorgung trifft er echte Entscheidungen und gestaltet sehr konkret die Lebenswirklichkeit der Beteiligten. Er schafft die Möglichkeit, eine der Kernfragen unsere Zukunft demokratisch zu lösen. Er wirft nicht nur die Frage auf, wie man wirtschaftliche Prozesse wieder nach den Bedürfnissen der Menschen ausrichten kann; er ist der Versuch einer Antwort.(20)


(1) Dagmar Henn ist Stadträtin in München, Mario Sineunovic ist Journalist und Landesvorstandsmitglied Die LINKE Bayern, Kornelia Möller ist Bundestagsabgeordnete der Fraktion Die LINKE



(2) aus: Stromwatch 3: Energiekonzerne in Deutschland (Kurzstudie im Auftrag der Bundestagsfraktion der Grünen), Saarbrücken 13.10.2010



(3) "Angesichts möglicher politischer Rochaden von Schwarz-Grün oder Rot-Grün wird sich die Zukunftsfähigkeit der LINKEN mit daran entscheiden, ob und wie es ihr gelingt, gegenüber einer kurzfristigen ökonomischen Erholung sensibel für die tiefer liegenden sozialen Ungerechtigkeiten zu bleiben, sich von diesem Protestpotential für die eigene politische Arbeit inspirieren zu lassen und so die politische Repräsentanz von Lohnarbeit, Prekarisierung und Ausgrenzung (?) zu befördern. (?). Mit einer solchen Positionierung könnte es gelingen, die Grünen und die Sozialdemokratie zu stellen, der Forderung nach einem Politikwechsel eine eigenständige Kontur zu geben und den Bürgerinnen und Bürgern die Notwendigkeit eines Korrektivs von Seiten der Partei DIE LINKE plausibel zu machen." http://www.sozialismus.de/archiv/sozialismus/2011/heft_nr_5_mai_2011/detail/artikel/wo-wir-stehen-und-wie-es-weitergehen-kann/ 



(4) Auf einer Veranstaltung des DGB München zur energetischen Sanierung äußerte ein Genossenschaftsvertreter, sie hätten in einem Einzelfall ein Gebäude energetisch saniert und hätten die Mieten danach um 2,50 Euro anheben müssen, obwohl sie nur die Hälfte der Kosten umgelegt hätten. Da ihre Genossen solche Erhöhungen nicht bezahlen könnten, seien sie zu dem Schluss gekommen, die Gebäude schlicht abzuwohnen. Da die EnEV bei vielen Erhaltungsmaßnahmen die Einhaltung aktuellster energetischer Standards vorschreibt, z.B. keine Fassadenerneuerung ohne Dämmung auf aktuellen EnEV-Standard möglich ist, führt dies dazu, dass die normalen Maßnahmen zur Erhaltung des Gebäudewerts unterbleiben. Weder in Orten mit zu hohem noch in Orten mit zu niedrigem Angebot an Wohnraum gibt es einen echten Anreiz zur energetischen Sanierung, obwohl diese im Interesse des Klimaschutzes dringend geboten wäre. Dieses einstige Vorzeigeprojekt von Rot-Grün kann nur eines leisten ? eine gesetzeskonforme Entmietung von Spekulationsobjekten.



(5) Hans Thie, Exit statt Exitus; RLS Standpunkte 09/2011



(6) Es gelingt in Deutschland immer noch, diese Tatsache zu verschleiern. In Irland allerdings wurde etwa offen diskutiert, es ginge vor allem um die Rettung deutscher und britischer Banken. 



(7) Die Landesbanken wurden als Endlager benutzt, als den Banken die Immobilienpapiere zu heiß wurden. Im Untersuchungsbericht des US-Senats zur Finanzkrise finden sich dazu einige Details. In die Versuchung zu solch spekulativen Geschäften gerieten die Landesbanken auch erst, als ihnen durch die europäische Anordnung, die Staatsgarantien zu kappen, die Geschäftsgrundlage gekappt wurde. Dafür haben wir jetzt Privatbanken mit Staatsgarantie?



(8) Auch hier zeigt sich, dass die Berücksichtigung externer Kosten (hier die Umweltwirkungen der Energieerzeugung) nicht einfach durch Marktprozesse verarbeitet und weitergereicht werden kann. Denn während ein Steuersystem individuelle Leistungsfähigkeit berücksichtigen kann, findet dies auf dem Energiemarkt nicht statt und könnte selbst durch Sozialtarife nur zum Teil kompensiert werden. Nachweislich ist der Energiebedarf armer Haushalte oft überproportional hoch (ob durch schlecht isolierte Wohnungen oder durch alte Geräte); die über den Preis weitergereichten externen Kosten wirken also sozial höchst selektiv. Dass dann von den Grünen der Markt oft noch zum Ort individueller politischer Handlungsfähigkeit stilisiert und moralisch aufgeladen wird, ist vor dem Hintergrund der tatsächlichen Prekarisierungswelle nur zynisch.



(9) Der sich nur durch die Rücklagen für die Risiken der Atomkraft in dieser Geschwindigkeit vollziehen konnte.



(10) Ein sehr hilfreicher Text dazu ist Franziska Wiethold, Gedanken zur Wirtschaftsdemokratie, unter: http://www.gegenblende.de/09-2011/++co++d72f0a68-7fac-11e0-6a47-001ec9b03e44 



(11) Die zunehmende Neigung, dies militärisch zu tun, ist nicht zu übersehen



(12) Die Formulierung lautet meist schlicht "Die Kommunen können Satzungen erlassen". Wir hatten zu Beginn unserer Überlegungen die Erwartung, uns mit genaueren Beschränkungen auseinander setzen zu müssen.



(13) Im Münchner Stadtrat lässt sich das ständig erleben. Die Stadtwerke, eine GmbH, sind mittlerweile der größte Gewerbesteuerzahler in der Stadt und der fünftgrößte Energieversorger bundesweit. Die Sitzungsvorlagen zu Entscheidungen, die die Stadtwerke betreffen, werden meist sehr kurzfristig geliefert. Ein direkter Eingriff in das Handeln wird durch die Rechtsform und ihre Ausgestaltung unmöglich. Selbst die aus dem Stadtrat entsandten Aufsichtsräte haben nicht die Ressourcen, die Angaben, die die Stadtwerke machen, zu überprüfen. So gerät demokratische Kontrolle zur Farce.



(14) Manche Gemeindeordnungen, wie z.B. in NRW, fangen das durch die "sachkundigen Bürger" auf; eine Einrichtung, die z.B. der bayrischen Gemeindeordnung fremd ist.



(15) Wie sich diese Eigeninteressen auswirken, kann man in der Sozialpolitik gut beobachten, in der das materielle Interesse der Armutswirtschaft an Ein-Euro-Jobs ein großes Hindernis darstellt.



(16) Diese Vorstellung ist in Deutschland, wohl auch als Folge des selektiven Schulsystems, sehr verbreitet, und die Fähigkeit, Zusammenhänge einfach verständlich zu machen, ist deutlich unterentwickelt; man vergleiche nur die Erläuterungen, die sich auf Englisch zu Fukushima finden lassen, mit denen, die auf Deutsch zu finden sind. Auf Verwaltungen einen stärkeren Druck auszuüben, Informationen für alle verständlich zu halten, kann nur demokratieförderlich sein.



(17) "Planning for Real" ist ein aus England stammendes stadtplanerisches Verfahren, das durch den Einsatz von Modellen, die die Teilnehmer selbst anfertigen, die Dominanz sprachlich besonders kundiger aufhebt. Ausgerechnet die zwei sozial am wenigsten selektiven Partizipationsverfahren, Planning for Real und die Planungszelle, unterliegen einem Copyright. Wie gut, dass es noch kein ?intellektuelles Eigentum? gab, als die Briten das Zweikammerparlament erfanden?



(18) Eine Ausnahme davon bildet der Volksentscheid, der aber immer nur einen Punkt betrifft und im Regelfall eher Widersprüche verschärft als auflöst. Es gibt politische Entscheidungen, bei denen das sinnvoll ist. Für die Widersprüche, die zwischen der Rolle als Beschäftigter und der Rolle als Konsument entstehen können, fände sich so aber keine Lösung. Hier sind Ansätze gefragt, die Vermittlung zulassen.



(19) Die Erfahrung mit bisherigen Beiräten lehrt auch, dass die kommunale Politik selten eine direkte Konfrontation mit diesen Gremien eingeht. Da die Energiebeiräte eine bestehende Schwäche der Kontrollmöglichkeiten beheben, ist dies desto unwahrscheinlicher.



(20) Ein erneuerter Sozialismus in der Nussschale gewissermaßen.


Montag, 4. Juli 2011

Überlegungen zum Arbeitsbegriff im Programmentwurf1

Kornelia Möller

Weil Arbeit die wichtigste Lebensäußerung und Tätigkeit der Menschen ist, muss dem Arbeitsbegriff und seiner Entwicklung in einem Parteiprogramm der Linken angemessener Raum zukommen. Da dieses Thema so wichtig ist, sind die Diskussionen um Charakter und Inhalt der Arbeit in Gegenwart und Zukunft besonders intensiv und auch kontrovers. Dies zeigt auch die aktuelle Debatte zum Programmentwurf.

Dabei geht es im Parteiprogramm nicht nur darum, unsere gegenwärtigen Ansprüche und Forderungen an die Arbeit und den Arbeitsprozess zu formulieren, sondern notwendig ist, im Programm auch Vorstellungen dazu zu entwickeln, wie sich Arbeit in einer Zeit nach dem Kapitalismus entwickeln soll und könnte, wie sich ihr Charakter und Inhalt  im Zusammenhang mit veränderten Eigentumsverhältnissen und der weiteren Entwicklung der Produktivkräfte ausformen bzw. bewusst gestalten läßt.
Von grundsätzlicher Bedeutung ist es dabei, herauszuarbeiten, wie sich Arbeit künftig als ein von der Gesellschaft bewusst gestalteter Prozess von der Arbeit unterscheidet, die durch das Profitprinzip, Konkurrenz und Marktmechanismus reguliert wird, so wie wir sie heute kennen.

Erwerbsarbeit im Kapitalismus und danach?

Im Programmentwurf erscheint der Arbeitsbegriff über weite Strecken eingeschränkt auf Erwerbsarbeit. Erwerbsarbeit soll hier wohl heißen: Lohnarbeit, also Arbeitskraft als Ware. Diese bleibt in ihrem Charakter unangetastet, selbst in den Zielvorstellungen der Präambel2: "Wir wollen, dass die Menschen Erwerbsarbeit, Arbeit in der Familie, die Sorge für Kinder, Partner und Freunde und schließlich individuelle Weiterbildung und Muße selbstbestimmt verbinden können." Die Erwerbsarbeit als fremdbestimmte, entfremdete Tätigkeit wird nicht in Frage gestellt, nicht einmal im Abschnitt zum Demokratischen Sozialismus: "neue, gerechte Verteilung der Erwerbsarbeit und der anderen gesellschaftlich notwendigen Arbeiten" - obwohl hier in den "anderen gesellschaftlich notwendigen Arbeiten" die Reproduktionsarbeit angedeutet wird. Eine Befreiung der Arbeit von den kapitalistischen Zwängen, hin zu einer Tätigkeit der schöpferischen Realisierung des Menschen - wie wir sie anstreben - , wird so nicht fassbar. Nicht zuletzt deshalb, weil die in der jetzigen Gesellschaft so säuberlich getrennten Bereiche Ausbeutung, Spiel und Reproduktion in der Darstellung im Programmentwurf getrennt bleiben.

Notwendig ist also im Programm eine klarere Charakterisierung von Erwerbsarbeit unter kapitalistischen Bedingungen und auch in der Zeit nach dem Kapitalismus.

Schwierig ist die kritiklose Verwendung der Formulierung "Arbeitsplätze vernichtet"(Krisen des Kapitalismus). Grundsätzlich geht es hier vor allem um eingesparte Arbeitszeit, die sich als "vernichtete Arbeitsplätze" ausdrückt, also darum, wie der Segen der höheren Produktivität unter kapitalistischen Bedingungen zum Fluch wird. Aber so sehr andernorts die Produktivität des Kapitalismus hervorgehoben wird, so wenig wird klargestellt, dass eine "Einsparung" von Arbeit, eine "Freisetzung" von Arbeitszeit an sich keine schädliche Entwicklung darstellt, kann sie doch die Grundlage für die Verkürzung der Arbeitszeit bilden. (Nebenbei bemerkt verstellt eine solche Darstellung auch den Blick auf die durchaus zu stellende Frage, ob nicht eine Grenze in der Verdichtung der Arbeit unter den gegebenen technischen Bedingungen erreicht ist. Die weit abgesunkene Investitionsquote in der deutschen Industrie könnte ein Indiz dafür sein).

"Gute Arbeit" bleibt ausgebeutete Arbeit

Der Abschnitt "Gute Arbeit" liefert leider nicht mehr als Anforderungen an erträgliche Arbeitsbedingungen unter unveränderten Eigentums- und Verwertungsverhältnissen. Die Tatsache, dass selbst eine Änderung der Eigentumsverhältnisse in Teilbereichen nichts an der Verwertungslogik der kapitalistischen Ökonomie insgesamt und damit auch nichts an der Entfremdung ändert, wird nicht einmal angesprochen. Ganz im Gegenteil, mit dem Konstrukt der Mitarbeiterbeteiligung wird ein kapitalistisches Modell als Lösung für Probleme gereicht, die aus einem kapitalistischen Gesellschafts- und Wirtschaftsmodell resultieren. (Aber dazu später mehr.)

Gleichzeitig wird unzureichend  sichtbar, dass es allein die Arbeit ist, die den gesellschaftlichen Reichtum hervorbringt (und zwar in ihrer Eigenschaft als Mehrwert erzeugende und reproduktive Arbeit).

Die Kriterien für Effizienz, wie sie  die jetzige kapitalistische Gesellschaft definiert, werden im Programmentwurf kritiklos übernommen. Im Abschnitt "Woher wir kommen" wird beispielsweise von einem "Zurückbleiben der (...) Leistungsfähigkeit" in der zentral geplanten Wirtschaft ausgegangen, ohne dass auch nur in Erwägung gezogen wird, dass dies ja Ausdruck des freien Willens der Produzenten hätte gewesen sein können. Alle Lebenserfahrung legt nahe, dass die wenigsten Menschen sich freiwillig maximal selbst ausbeuten und freiwillig die intensivste Variante der Arbeit wählen.
"Die Grundlage für die Entwicklung der Produktivkräfte ist heute und auf absehbare Zeit die Erwerbsarbeit."(Linke Reformprojekte) Der Satz ist rätselhaft. Soll man ihn mit "Grundlage für die Entwicklung der Produktivkräfte ist (...) die Arbeitskraft als Ware" übersetzen? Das würde ja bedeuten, dass der Kapitalismus nach wie vor und in aller Zukunft Grundlage der Entwicklung der Produktivkräfte sei, was man durchaus anzweifeln kann. Schärfer formuliert: Arbeitskraft als Ware ist immer untrennbar mit dem Privateigentum an Produktionsmitteln verbunden. Will man das also wirklich so sehen?3

Der Begriff "Gute Arbeit" stammt aus der gleichlautenden Kampagne des DGB. Dementsprechend hat er blinde Stellen. So werden Leistungsorientierung und Effizienz an keiner Stelle in Frage gestellt. Doch selbst mit Arbeitszeitverkürzung, Sozialversicherung und Mitbestimmung bleibt Ausbeutung Ausbeutung. Die Tendenz zur kurzzeitigen Vernutzung der menschlichen Arbeitskraft wird nicht angesprochen, geschweige denn kritisiert.

Die überarbeitete Version übertrifft hier noch die erste Version, wenn sie behauptet, dass Erwerbsarbeit im Kapitalismus die „Quelle von Selbstverwirklichung“ sein könne und „Potentiale schöpft“. Mit solchen Aussagen wird die Verwertungslogik des kapitalistischen Systems schön geredet! Natürlich gibt es in diesem System immer auch Gewinner, sonst wäre es nicht so erfolgreich. Aber die große Masse der Bevölkerung gehört eindeutig nicht dazu. Und als LINKE sollten wir uns überlegen für wen wir sprechen und wen wir vertreten. Wollen auch wir wirklich Die vertreten, die in einem Ausbeutungssystem zu den wenigen Gewinnern gehören (und vertreten meint hier natürlich auch die Situation zu verändern)? Oder wollen wir die Vielen vertreten, die den Reichtum der Wenigen erwirtschaften ohne selbst davon zu profitieren? Als demokratische Sozialistin kann ich darauf eine klare Antwort geben, die sich in diesen Textstellen nicht wiederfindet.

Fakt ist auch: Erwerbsarbeit wird im Zusammenhang mit der anhaltenden strukturellen Arbeitslosigkeit zur Mangelware. Zugleich sichert sie auch die Existenz vieler Menschen nicht mehr ab. Dass Effizienz und Humanität sich in vielen Bereichen ausschließen (Extrembeispiel ist hier der Gesundheitssektor) und eine Arbeit, die den Menschen so zum Objekt macht, wie es die heutige meist tut, nie gut sein kann, wäre eine erforderliche Ergänzung. Das allerdings geriete mit den gegenwärtig in deutschen Gewerkschaften vorherrschenden Ideen (siehe "leistungsorientierte Bezahlung") und der Kultur der verschärften Konkurrenz zwischen den Arbeitskräften in Konflikt. Um zu sehen, dass es auch anders gehen kann, muss man den Blick nur über Ländergrenzen hinweg zu anderen europäischen Nachbarn hin lenken.......

Ohne eine Klärung  der Begriffe "Erwerbsarbeit", "gesellschaftlich notwendige Arbeit", eine Klärung der Rolle der Reproduktionsarbeit in diesem Zusammenhang, eine Verdeutlichung des Anspruches auf Befreiung der Arbeit und eine Erweiterung des Begriffs der Bedürfnisse über die Sphäre der Konsumtion hinaus bleiben hier viele Fragen zu unseren Positionen offen (im Abschnitt Demokratischer Sozialismus soll die Wirtschaft zwar die Bedürfnisse der Bürgerinnen und Bürger befriedigen und allen ein Leben in Wohlstand und sozialer Sicherheit gewährleisten, aber diese Bedürfnisse scheinen sich allein auf Objekte, nicht auf Verhältnisse zu beziehen; eine sozialistische Gesellschaft muss die Menschen aber auch aus ihrer Gefangenschaft in der Konsumentenrolle befreien...).

Gesellschaftlich notwendige Arbeit und Lohnarbeit

Notwendig wären Ausführungen zur klassischen linken Position zur Arbeit, die deutlich positiver ist, als im Programmentwurf niedergeschrieben. Arbeit ist der Weg, wie sich der Mensch in der Gemeinschaft die Welt aneignet, wie Kultur entsteht, wie sich Fähigkeiten entwickeln. Arbeit ist mithin ein menschliches Bedürfnis. Dabei ist sie ein Gesellschaft schaffender und formender Prozess, da sie vielfache Formen von Austausch, von Kommunikation und von Zusammenwirken erfordert.4
Arbeit (hier ist nicht von der Arbeitskraft als Ware die Rede!) teilt sich in gesellschaftlich notwendige und gesellschaftlich nicht notwendige. Gesellschaftlich notwendig sind auch viele Tätigkeiten, die zur Reproduktionsarbeit zählen. Unter den Bedingungen einer kapitalistischen Gesellschaft ist die gesellschaftlich notwendige Arbeit immer ein Gegenstand der Auseinandersetzung. Das betrifft sowohl die Frage der Absicherung der Reproduktionsarbeit außerhalb des Marktes als auch jene gesellschaftlich notwendige Arbeit, die z.B. durch die Erstellung der nötigen Infrastruktur die Produktivität in der Lohnarbeit erst ermöglicht, durch die divergierenden Interessen der Einzelkapitale aber durchaus in Frage gestellt werden kann.
Erwerbsarbeit ist eine Kategorie, die mit dem Begriff der gesellschaftlich notwendigen Arbeit erst einmal nichts zu tun hat. Erwerbsarbeit, die aufgehübschte Lohnarbeit, ist jene Arbeit, die von Menschen, die keine Produktionsmittel besitzen, verrichtet wird, um mit dem Preis der Arbeitskraft den Lebensunterhalt zu sichern. Das sagt nichts darüber aus, ob sie gesellschaftlich notwendig ist (das kann z.B. bei Rüstungsproduktion oder Werbung durchaus bezweifelt werden), und es sagt noch nichts darüber, ob diese Tätigkeit Mehrwert erzeugt, da auch nicht Mehrwert erzeugende Tätigkeiten entlohnt werden und auch Menschen, die im vergesellschafteten Teil der Reproduktion arbeiten (Erzieherinnen in Kindergärten z.B.), ebenfalls Lohneinkommen beziehen.

Innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft stellen sich zum Verhältnis gesellschaftlich notwendige Arbeit/ Lohnarbeit zwei Fragen. Erstens: Wie entscheidet sich, ob gesellschaftlich notwendige Arbeit geleistet wird? Sie kann entweder zur Erzeugung von Mehrwert dienen, dann ist sie für das Kapital womöglich interessant; oder sie wird durch den vergesellschafteten Mehrwertanteil, also Steuern, finanziert und ist Gegenstand des politischen Prozesses. Wenn gesellschaftlich notwendige Arbeit weder für Kapitalinteressen nutzbar ist, noch ihre Finanzierung politisch durchgesetzt werden kann, kann es durchaus sein, dass sie nicht stattfindet. Es ist wichtig, wahrzunehmen, dass hier eine strukturelle Schwäche des Kapitalismus liegt (schönes Beispiel dafür sind die Asphaltstraßen, die in einigen US-Städten jetzt wieder in Sandpisten verwandelt wurden, weil die Kommunen ihre Instandhaltung nicht mehr finanzieren können).

Zweitens: Welche gesellschaftlich notwendige Arbeit für das Kapital interessant ist, ist in ständigem Fluss. Denn die Grenze zwischen der unsichtbaren privaten Arbeit und der marktförmigen oder öffentlichen Arbeit ist höchst beweglich. Kantinen, Kindertagesstätten, Altenpflege - hier verschiebt sich die Grenze sowohl durch veränderte gesellschaftliche Bedingungen als auch durch politische Entscheidung. So werden beispielsweise Kinderkrippen erst im Gefolge öffentlicher Subventionen bei gleichzeitigem Mangel zum Geschäft. Die Frage, ob eine Arbeit "Erwerbsarbeit" ist, sagt also nichts darüber aus, ob sie zum produktiven oder zum reproduktiven Sektor gehört, oder ob sie notwendig ist oder nicht.

Welches wäre denn nun das wichtige Kriterium in einer nicht kapitalistischen Gesellschaft? Nicht das der Kapitalverwertung jedenfalls. Damit wird aber auch der Begriff "Erwerbsarbeit" obsolet. Entscheidend wird der Begriff der gesellschaftlich notwendigen Arbeit. Diese, die zur Erhaltung erforderliche Arbeit, bezeichnet das "Reich der Notwendigkeit". Aber die Grenzen, was als mühselig, lästig und was als bestätigend und erfreulich empfunden wird, verändern sich mit den Bedingungen. Die Erfahrung der letzten Jahre belegt: unter den Bedingungen des Kapitalismus kann fast jede Arbeit zu elender Sklaverei werden. Andererseits haben unterschiedliche Menschen unterschiedliche Vorstellungen davon, was sie als befriedigend empfinden. Was den einen eventuell abschrecken mag, empfindet der andere als entspannend. Wenn der Druck entfällt, die Tätigkeit marktförmig zu entrichten, kann auch die Grenze zwischen dem Erzwungenen und dem Gewünschten fallen. Die Unterscheidung zwischen der gesellschaftlich notwendigen und der nicht gesellschaftlich notwendigen Arbeit ist also keine, die das Leben des Einzelnen in schöne und weniger schöne Scheiben teilt, sondern schlicht eine Information, die für die gesellschaftliche Steuerung der Wirtschaft erforderlich ist (wie immer diese geschehen möge) - die gesellschaftlich notwendige Arbeit muss, die übrige kann erfolgen.

Arbeit ohne die Fesseln des Kapitals

Ohne einen Begriff davon bzw. Klarheit darüber, was Arbeit ohne die Fesseln des Kapitals sein könnte, ohne eine Vorstellung einer befreiten Arbeit geraten selbst die Reformvorstellungen unter den gegebenen Bedingungen zu hasenherzig und der herrschenden Ideologie verpflichtet.

Im übrigen betrifft das auch eine andere Seite des Charakters und Inhalts der Arbeit in einer Gesellschaft nach dem Kapitalismus, nämlich ihren notwendigerweise planmäßigen Charakter. Bereits heute, in einer hoch vergesellschafteten Wirtschaft, wie der des gegenwärtigen Kapitalismus mit ihren global agierenden Großkonzernen, kann Arbeit innerhalb der Wirtschaftseinheiten nicht mehr effektiv verausgabt werden, wenn sie nicht geplant wird. Innerhalb dieser riesigen Wirtschaftseinheiten würde eine Marktregulierung zum Desaster führen. Planmäßigkeit, verstanden im Sinne von bewußt und ständig aufrecht erhaltener Proportionalität (der Verausgabung bestimmter Arbeiten) - verbunden mit hoher Disziplin - ist oberstes Gesetz, wenn am internationalen Markt kostengünstig, auf hohem technischem Niveau, in hoher Qualität und zum richtigen Zeitpunkt verkauft werden soll. Da aber im Rahmen der Volkswirtschaft und im globalen Rahmen die Verausgabung von Arbeit fast ausschließlich über den Markt geregelt wird, entsteht ein unüberbrückbarer Widerspruch zwischen planmäßig und rationell verausgabter Arbeit in den Wirtschaftseinheiten und deren Resultaten, nachdem sie auf den Markt gelangt sind. Dieser Widerspruch äußert sich u.a. in der massenhaften Vernichtung von Arbeit und deren Ergebnissen. Wird er nicht gelöst, führt dies nicht nur Vernichtung von schöpferischem Potential an Arbeitsvermögen und Qualifikation und damit zur Vernichtung von gesellschaftlichem Reichtum und Wohlstand, sondern letzten Endes zur Erosion der Existenzgrundlagen der menschlichen Gesellschaft durch eine Umwelt- und Klimakatastrophe, die sich bereits abzeichnet.

Soweit muss der Bogen bei der Betrachtung von Charakter und Inhalt der Arbeit gespannt werden, um auch zu Aussagen zur Gestaltung der Arbeitsprozesse in einer Zeit nach dem Kapitalismus zu kommen. Dabei ist es völlig klar - und auch das sollte in einem Programm der Linken enthalten sein -, dass es sich bei der Veränderung der Arbeit um einen längerfristigen Prozess handelt, dessen Resultate nicht vorweg genommen werden können. Es muss aber unmissverständlich deutlich werden, das dies in einem demokratischen Suchprozess innerhalb der Gesellschaft erfolgen muss, wie zugleich sichtbar werden muss, dass der Arbeitsprozess selbst im Zusammenhang mit den Veränderungen der Eigentumsverhältnisse und des Wirtschaftsmechanismus zu demokratisieren ist.

Mittelfristige Veränderungen in der Arbeit

In diesem Zusammenhang müssen Schritte gesucht und Kriterien erarbeitet werden, wie sich Erwerbsarbeit aus linker Sicht bereits mittelfristig verändern und in eine neue Form hinüberwachsen könnte. Dazu sollten auch wissenschaftliche Debatten und in der Wissenschaft diskutierte Modelle und Konzepte herangezogen werden.

An dieser Stelle soll auf die zentralen Forderungen der LINKEN im Zusammenhang mit der Überwindung der Finanz- und Wirtschaftskrise hingewiesen werden. Zu diesen Forderungen gehören die Vergesellschaftung der Banken und der Tausch staatlicher Hilfen für Unternehmen nur gegen entsprechende Eigentumsanteile und Entscheidungsrechte der öffentlichen Hand und der Belegschaften.

Dazu hatten wir uns in unserem Bundestagswahlprogramm 2009 bekannt. Die Debatten zu unserem Wahlprogramm, aber auch im Rahmen der Bundestagfraktion der LINKEN zu Folgen und Schlussfolgerungen aus der Krise, haben deutlich gemacht, dass es weiterer Überlegungen zur konkreten Ausgestaltung unseres Parteiprogramms in diesem Punkt bedarf. Sie betreffen auch Fragen der Demokratie in der Wirtschaft, also Fragen, die unmittelbar mit Charakter und Inhalt der Arbeit verbunden sind.

Wer davon ausgeht dass, wenn die Beschäftigten selber Anteilseigner ihrer Betriebe sind, alle Probleme gelöst sind und wir uns auf dem Weg zur Wirtschaftsdemokratie einen großen Schritt weiter bewegt haben, der verkennt den Charakter einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Verschiedene Facetten:

Wenn wir davon ausgehen, dass die ungerechte Eigentumsordnung die Hauptursache der gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise ist und der Finanzkapitalismus und seine Krisen gerade aus dieser ungerechten Vermögens- und Einkommensverteilung hervorgegangen sind, müssen wir die Forderung, "wenn Steuergelder bei der Sanierung von Betrieben fließen, müssen daraus Belegschaftsanteile werden", überdenken. Denn zu einer anderen Art von Ungerechtigkeit würde es führen, wenn Gelder aller Steuerzahlerinnen und Steuerzahler sich in Belegschaftsanteile einiger weniger Unternehmen verwandeln würden.

Die Überlegung, die dem Mitarbeiterbeteiligungsmodell zugrunde liegt, 49% des Betriebes in Belegschaftseigentum zu übergeben, würde bedeuten, dass „der Unternehmer“ mit seinen 51% die Geschicke weiterhin bestimmen kann5. Die Mitarbeiterbeteiligung würde die Kolleg_innen dann zu „Abnickern“ einer kapitalistischen Firmenpolitik machen und sie u.U. auch noch an den Verlusten beteiligen.

Was geschieht z.B. in Krisenzeiten mit Betrieben mit Belegschaftseigentum? Sie stehen in härtestem Konkurrenzkampf mit anderen Betrieben. Die Beschäftigten kämen u.U. in die Situation, Lohnkürzungen und Entlassungen im eigenen Haus mit betreiben zu müssen. Sie wären im Konkurrenzkampf über die gemachte Firmenpolitik evtl. mit verantwortlich für die Insolvenz anderer Betriebe und die Entlassungen der Kolleg_innen dort.
Die Folgen, wegen derer Gewerkschaften immer diese Modelle abgelehnt hatten: Schwächung der gewerkschaftlichen Vertretung, Entsolidarisierung sowohl im eigenen Betrieb als auch innerhalb der ganzen Branche, ausgehebelte Flächentarifverträge und weiter steigenden Druck auf Löhne und Arbeitsbedingungen. Statt der Solidarität der abhängig Beschäftigten miteinander, würde die Solidarität zum Betrieb, zum Kapital und seinen Protagonisten wachsen.

Das Modell der Mitarbeiterbeteiligung würde also mitnichten wirtschaftlichen Wohlstand für alle bringen. Doch wie sieht es bei der ökologischen Entwicklung der Gesellschaft aus? Ein Beispiel: Der private Betreiber eines AKW würde 49% seines Unternehmens an die Beschäftigten abgeben müssen. Nehmen wir an, es handelte sich um eine „Insellösung“, eben weil die Gesellschaftsstruktur der Betreiber anderer AKWs unangetastet bliebe. Was würde sich an dem Geschäftsgebaren ändern? Würden die Kolleg_innen die sozialökologische Wende in ihrem Betreib durchsetzen können? Oder würden sie nicht vielmehr gemeinsam mit dem Anteilseigner der 51% die bisherige Firmenpolitik fortführen (müssen), z.B. um ihre Arbeitsplätze zu erhalten. Die sicher auch berechtigten Eigeninteressen der Beschäftigten hätten vermutlich Vorrang vor den gesamtgesellschaftlichen Bedürfnissen.
Gerade in Bereichen, in denen es –wie derzeit- um größere Veränderungen geht, ausgelöst durch Klimawandel, Energiekrise, Wirtschaftskrise,…, kurz den Auswirkungen eines kapitalistischen Gesellschafts- und Wirtschaftssystems, bietet das Modell der Mitarbeiterbeteiligung m.E. keine Lösung aber viele Risiken an.
Daran ändert auch die Idee, die Mitarbeiterbeteiligung in Form von Stiftungen zu organisieren, nichts. Denn eine Stiftung ist eine Kapitalgesellschaft und kein demokratischer Zusammenschluss, wie die Münchner Stadträtin der LINKEN, Dagmar Henn, in einem ihrer Texte treffsicher anmerkte. Sie weist in ihrem Beitrag am Beispiel der Sanierungsbemühungen für Karstadt darauf hin, welche Gefahren in belegschaftseigenen Kapitalgesellschaften stecken:

„Größtes Hindernis für die Karstadt-Sanierung war nämlich die Bank, die mit Krediten den Erwerb der Karstadt-Immobilie durch jene Immobiliengesellschaft finanziert hat, die dann mit überhöhten Mieten zum Absturz beitrug. Diese Bank gehörte pikanterweise dem Pensionsfonds der Karstadt-Mitarbeiter. Wären die Verhandlungen gescheitert, wären die Beschäftigten also gewissermaßen im Interesse des Pensionsfonds gekündigt worden.6“

Doch was wäre hilfreich, um den Charakter und den Inhalt der Arbeit zu verbessern? Was wäre hilfreich, um die Wirtschaft zu demokratisieren und ein selbstbestimmtes Leben für alle zu ermöglichen?

Ein erster kleiner und einfacher Schritt könnte sicher die Ausweitung der Montanmitbestimmung auf andere Branchen sein. Denn Mitbestimmung und Transparenz sind in allen gesellschaftlichen Bereichen die Schlüsselbegriffe, sowohl um Erwerbsarbeit bereits mittelfristig in eine neue Form wandeln zu können, als auch darüber hinaus für eine Entwicklung, in der die Macht und die Verantwortung sich aktiv in gesellschaftspolitische Wandlungsprozesse einzubringen, von der Mehrheit der Bürger_innen angenommen wird . Es ist Franziska Wiethold zuzustimmen, wenn sie ausführt, dass nur ein Mischsystem, in dem betriebliche/individuelle Interessen auf der einen Seite und gesamtgesellschaftliche Bedürfnisse auf der anderen Seite ihre Berechtigung und Vertretung finden, die „anstehenden existentiellen Zukunftsprobleme im Zusammenhang mit dem sozial-ökologischen Umbau bewältigen kann.7“ Gerade die Tatsache, dass verschiedene Interessengruppen in einem Mischsystem zusammenarbeiten wollen/müssen, stärkt bei den Beteiligten das politische und soziale Bewusstsein; statt „Siegen um jeden Preis“, könnte „ein Ergebnis das Alle berücksichtigt“ im Focus stehen.

Die Rekommunalisierung des gesamten Bereich der Daseinsvorsorge, eine langjährige parteipolitische Forderung, findet gerade zur Zeit regen Zulauf auch von Menschen, die nicht Mitglieder unserer Partei sind. Rekommunalisierung unter Bürgerbeteiligung und Bürgerkontrolle, wie wir8 es in unserem Modell der „Energiebeiräte“ entwickelt haben, bietet darüber hinaus die Gelegenheit, dass wir regional sofort damit beginnen können Wirtschaft zu demokratisieren. Über die direkte Einwirkungsmöglichkeit der Bürger_innen vor Ort, die neben Interessengruppen und Verbänden ihre eigenen Interessen im Energiebeirat artikulieren und mitbestimmen können, könnte eine Politisierung breiterer Bevölkerungsschichten erreicht werden. Bislang nicht politisch aktive Menschen erfahren ganz konkret, dass sie sich einbringen und etwas erreichen können.
In anderen Bereichen, in denen es seit längerem strukturelle Probleme gibt (Stichwort Produktion auf Halde) und die im Zusammenhang mit dem Klimawandel umgebaut werden müssen, wie z.B. die Automobilindustrie, ist es sinnvoll zu überlegen, die gesamte Branche für den anstehenden sozialökologischen Wandel zu vergesellschaften. Statt im harten Konkurrenzkampf gegeneinander zu stehen und um die knapper werdenden Arbeitsplätze zu kämpfen, könnte die gesamte Branche den aktuellen Bedürfnissen angepasst und sozialökologisch umgebaut werden, ohne dass es zu Massenentlassungen kommen muss, die sonst unabdingbar scheinen. Kolleg_innen ganzer Betriebe könnten dann ihren Arbeitsplatz im Aus- und Aufbau des ÖPNV finden, während die Produktion im Individualverkehr nach und nach runtergefahren wird.

Untrennbar mit dem Arbeitsbegriff verbunden ist in einem kapitalistischen System die Erwerbslosigkeit als Folge einer an Gewinnmaximierung orientierten Verwertungslogik (deswegen will ich sie auch hier ansprechen und unsere Alternative zum Hartz-Konzept kritisch betrachten).

In der 16.WP setzte sich gegen das Modell der Erwerbslosenversicherung9, als einem Teil eines drei-Säulen-Modells, das Menschen während ihrer gesamten Lebensdauer vor Armut schützt, das Modell der Mindestsicherung durch. Dieses Modell der Mindestsicherung findet sich im Programmentwurf wieder.

Zwei Hauptkritikpunkte, die ich hier nur kurz anreißen möchte (obgleich sich zum Konzept der Mindestsicherung noch wesentlich mehr sagen ließe): Erstens, die Teilung der Erwerbslosen in Beziehende von „Arbeitslosengeld“ auf der einen Seite und in Beziehende von „Mindestsicherung“ auf der anderen Seite, teilt und spaltet von Erwerbslosigkeit Betroffene und schwächt damit ihre Gegenwehr. Teile und Herrsche ist auch hier ein probates Mittel. Als LINKE sollten wir diese Herrschaftsideologie nicht teilen und statt dessen ein Konzept wählen, dass die Solidarisierung der Betroffenen miteinander und folglich auch ihre Möglichkeiten der Gegenwehr stärkt. In meinem Modell der Erwerbslosenversicherung wurden deswegen alle um ihre Erwerbsarbeit gebrachten Menschen gemeinsam in der Erwerbslosenversicherung zusammengefasst. Beitragsfinanzierte und steuerfinanzierte Zeiten stellten kein Kriterium für eine Trennung von Menschen in zwei auch hierarchisch strukturierte Sicherungsmöglichkeiten dar, sondern ein buchhalterisch lösbares Problem.

Zweitens, der Begriff „Mindestsicherung“ bleibt der Hartzlogik verhaftet, wenn ein von Erwerbslosigkeit betroffener Mensch ausschließlich Anspruch auf eine „Mindest-ab-sicherung“ erhält. Der Begriff „Mindestsicherung“ suggeriert die (Mit)-Schuld, zumindest aber die Mitverantwortung der Betroffenen an ihrer Not. Wenn wir aber davon ausgehen, dass nicht der erwerbslose Mensch, sondern der Profiteur des Neoliberalen Systems der Verantwortliche für Erwerbslosigkeit ist und Erwerbslosigkeit von ihm auch bewusst produziert wird, um zum einen eine jederzeit verfügbare Anzahl von Menschen als potentielle Arbeitskräfte vorzuhalten, die zum anderen auch als Drohpotential für noch Beschäftigte gebraucht und eingesetzt werden können, dann wird deutlich, dass der Begriff „Mindestsicherung“ in die falsche Richtung weist und dringend verändert werden muss.

Wirtschaftsdemokratie heißt auch Geschlechtergerechtigkeit

Abschließend möchte ich noch kurz ein Schlaglicht auf eine andere Seite der Veränderung von Arbeit werfen, die aus den Veränderungen in der Arbeitsteilung resultiert.10
In der Arbeiterbewegung findet sich schon früh die Überzeugung, dass jegliche Form der Arbeitsteilung, auch die sogenannte ursprüngliche, ein Ergebnis der Gesellschaft und nicht der Natur ist (schon bei Friedrich Engels findet sich, dass die Verschiebung der Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern der Klassenentstehung vorausgeht). Die gegebenen Formen dieser Teilung infrage zu stellen, bedeutet einen wahrhaft demokratischen und emanzipatorischen Prozess. Offensive Forderungen nach einer geschlechtergerechten Verteilung von Arbeit, für gerechte Entlohnung, für gleiche Teilhabe und für die Gleichwertigkeit von Lebensentwürfen, würde unserem Anspruch nach einem demokratischen sozialistischen Gesellschaftsmodell entsprechen und käme beiden Geschlechtern zugute. Denn immer mehr Männer wollen sich nicht nur auf die traditionelle Männerrolle begrenzen lassen, sondern sich z.B. zunehmend auch der Kindererziehung widmen. Eine andere Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern folgt dieser anderen Einstellung. Die Linke sollte mit an der Spitze dieser Entwicklung stehen, statt sich ihr zu verweigern. Und das sollte auch im Parteiprogramm zum Ausdruck kommen.11

1 April 2011, überarbeitet Juni 2011

2 1.Entwurf für ein Programm der Partei DIE LINKE. Zu hoffen ist, dass die Überarbeitung der Präambel hier eine Veränderung bringen wird.

3 Dieser Satz findet sich in der überarbeiteten Version nur noch in abgeschwächter Form wieder, da der Gedanke allerdings weiterhin den Text durchdringt, belasse ich die Passage im Text.

4 das Ergebnis der ersten Lesung 22.Mai 2011 hat hier etwas nachgearbeitet, allerdings bei Weitem noch nicht ausreichend.

5 Diese kapitalistische Verwertungslogik findet sich Anfang letzten Jahrhunderts bei Gregor Strasser und seinem Umfeld. Auch deswegen ist das Modell m.E. sehr kritisch zu betrachten.

6 Henn, Dagmar; Linke im Ernstland, auf Scharf-Links 27. April 2011

7 Wiethold, Franziska; Gedanken zur Wirtschaftsdemokratie – gegen den Strich gebürstet, in: Gegenblende, Das gewerkschaftliche Debattenmagazin, Ausgabe 09: Mai/Juni 2011

8 Möller, Kornelia; Henn, Dagmar; Simeunovic, Mario; Kommunale Energiebeiräte. Kontroll- und Partizipationsinstrument für einen sozial-ökologischen Umbau, 13. und 28. April 2011

9 Das Modell der Erwerbslosenversicherung wurde von meinen Mitarbeitern und mir in der 16.WP entwickelt und kann über mein Büro angefordert werden.

10 Diese Gedanken hatte ich bereits in einem Beitrag als Antwort auf einen Artikel von Herbert Schui niedergeschrieben. Beide Texte wurden in der Jungen Welt veröffentlicht.

11 Auch in diesem Bereich bietet die überarbeitete Version vom 22.Mai bereits mehr. Für die Spitze der Entwicklung reicht dies allerdings noch lang nicht aus, allenfalls für einen mäßigen Platz im Mittelfeld.

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